Hoch hinaus

Damit hätte Lukas nicht gerechnet, als er sah wie unter ihm alles kleiner wurde und er höher und höher Richtung Himmel fuhr. Neben ihm im Wagen saß sein bester Freund Niko, der ihn zu dieser vermeintlichen Höllenfahrt genötigt hatte. Achterbahnfahren war eigentlich gar nicht sein Ding. Ihm war das alles zu turbulent, zu schnell und zu unsicher. Immerhin waren die Holzgerüste des Colossus im Heidepark schon wie alt? Bestimmt schon fünfzehn Jahre! Doch Niko hatte nicht nachgelassen, er wollte unbedingt mit dem Colossus fahren. Also sagte Lukas zu. Gute anderthalb Minuten Achterbahn waren wohl erträglicher als eine Dreiviertelstunde zu warten, bis Niko die Warteschlange und die Fahrt hinter sich gebracht hatte.

Und nun saß er im Wagen. Seine Hände waren etwas schwitzig und sein Herz raste. Doch die Aussicht gefiel ihm, je höher sie fuhren. Er hatte gedacht, dass die Höhe für ihn eine weitere Hürde darstellen würde. Dass er nur nach vorne gucken könnte, damit ihm nicht schlecht wurde, aber nun fing er an, die langsame Fahrt zu genießen. Man konnte so viel sehen von hier aus. Die Menschen, die so surreal klein waren – wie Ameisen –, die anderen Fahrgeschäfte, die durch die Lüfte sausten, die ganzen Buden, in denen man Souvenirs und Leckereien kaufen konnte. Hier und da ein Baum und natürlich die Wasserbahnen! In der Ferne konnte man sogar die unzähligen Autos auf den Parkplätzen sehen und die Felder, die den Heidepark einkreisten.

Doch die Idylle wurde auf einmal von Schreien durchbrochen. Sie hatten den höchsten Punkt der Fahrt erreicht und sausten plötzlich in die Tiefe. Lukas schrie auf und wurde in den Sitz gedrückt. Oh Gott, das ging aber ganz schön in den Magen. Er umklammerte den Metallgriff und versteifte sich. Niko hingegen riss die Hände in die Höhe und johlte freudig auf. Oh man, das war echt schnell. Und da kam schon die nächste Kurve, die böse in den Magen ging. Doch irgendwie … ja, irgendwie machte es auch Spaß.

Lukas verkrampfter Magen löste sich ein wenig und es entfloh ein seltsamer Laut aus einem Mund. Dann noch einer, der von einem weiteren gefolgt war. Fing es an mit einem verkrampften Schnauben, löste es sich Stück für Stück in lautes Lachen auf, das sogar in Gejohle überging. Er riss die Arme in die Luft und spürte wie sie unkontrolliert nach links und rechts schwangen, fühlte den Wind in seinen Haaren und auf seinem Gesicht. Doch bevor er all das wirklich verarbeiten konnte, war die Fahrt auch schon vorüber. Atemlos saß er im Wagen, der nun langsam und holprig zu der Stelle fuhr, an der die Passagiere aus- und andere einsteigen konnten. Mit rotem Kopf drehte er sich zu Niko, der ihn ebenso berauscht anguckte, und fragte: »Nochmal?«


Der Writing Friday ist ein Projekt, das von der lieben Read Books and Fall in Love ins Leben gerufen wurde. Dabei gibt es für jeden Freitag im Monat ein Thema, zu dem man etwas schreiben darf. Wahr, ausgedacht, lang, kurz, Gedicht oder nicht — das kann sich jeder selbst überlegen; Hauptsache man schreibt. Bei so einem Projekt schließe ich mich gerne an und schaue, was dabei herauskommt. Bitte erwartet hier aber keine hohe Form von Literatur.

Dieser Text ist zu dem Thema Schreib eine Geschichte, die mit »Damit hätte Lukas nicht gerechnet, als er sah wie« beginnt entstanden.

Janika Zeilenwanderer Signatur

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Comments

  • weltaustinteundpapier

    April 27, 2018 at 15:24
    Antworten

    Hallo Janika, das ist ein wirklich schöner Text. Dir gelingt es meisterlich, die Entwicklung von Lukas' Gefühlen einzufangen. :) Was Achterbahnen angeht, bin ich auch ein ziemlicher Angsthase. Dein Text zeigt aber wunderschön, dass es sich lohnt, mutig zu sein. Liebe Grüße, Anna

    • Janika
      to weltaustinteundpapier

      Mai 1, 2018 at 16:38
      Antworten

      Liebe Anna, entschuldige die späte Antwort. Ich widme mich nach dem Urlaub erst jetzt wieder dem Blog & Co :) Mensch, Mensch, du bist die dritte unter den Kommentaren, die kein Fan von Achterbahnen ist. Was ist da los? :D Vielen lieben Dank auf jeden Fall und ganz liebe Grüße aus […] Read MoreLiebe Anna, entschuldige die späte Antwort. Ich widme mich nach dem Urlaub erst jetzt wieder dem Blog & Co :) Mensch, Mensch, du bist die dritte unter den Kommentaren, die kein Fan von Achterbahnen ist. Was ist da los? :D Vielen lieben Dank auf jeden Fall und ganz liebe Grüße aus Bremen, Janika Read Less

  • idasbookshelf

    April 27, 2018 at 12:48
    Antworten

    Liebe Janika! Ich mache um Achterbahnen eigentlich auch einen groooßen Bogen, aber ich kann Lukas' Euphorie am Ende echt verstehen! :D Wie schön du beschrieben hast, wie seine anfängliche Skepsis in Staunen und schließlich in Begeisterung umschlägt! Das finde ich richtig genial. :) Liebste Grüße, Ida

    • Janika
      to idasbookshelf

      Mai 1, 2018 at 16:38
      Antworten

      Liebe Ida, entschuldige die späte Antwort. Ich widme mich nach dem Urlaub erst jetzt wieder dem Blog & Co :) Vielen lieben Dank! Das freut mich zu hören :) Bei mir ist es durch und durch Euphorie, wenn ich eine Achterbahn sehe :D Liebe Grüße, Janika

  • Buchperlenblog

    April 27, 2018 at 11:25
    Antworten

    Liebe Janika! Das Gefühl von Lukas kann ich sehr gut nachvollziehen, gerade am Anfang der Fahrt. Ich selbst habe mich daaaamals auch so gefühlt, nur ohne den Freudenschrei am Ende - mir war das nix xD Aber eine tolle Geschichte, die du da geschrieben hast! :) Liebe Grüße! Gabriela

    • Janika
      to Buchperlenblog

      Mai 1, 2018 at 16:37
      Antworten

      Liebe Gabriela, entschuldige die späte Antwort. Ich widme mich nach dem Urlaub erst jetzt wieder dem Blog & Co :) Vielen lieben Dank! Ach, schade, dass dir Achterbahnen nicht so viel Spaß machen. Ich bin persönlich ein großer Fan von Achterbahnfahrten :) Liebe Grüße, Janika

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