Would you please kiss it better?

Liebe Mia, heute schreibe ich dir einen et­was an­de­ren Brief, denn er wird nur von ei­nem ein­zi­gen Tag be­rich­ten. Und zwar vom heu­ti­gen. In den meis­ten Brie­fen, die wir uns mittler­wei­le über die Jahre un­se­rer Brief­freund­schaft ge­schickt haben, be­rich­te ich dir, was mir in den letz­ten Wo­chen passiert ist. Doch die letz­ten Wo­chen schei­nen im Ver­gleich zu dem, was heu­te passiert ist, nicht er­wäh­nens­wert. Heute war näm­lich mein ers­ter Tag als Assis­tenz­ärz­tin und die Schicht war di­rekt ein ech­ter Klopper – acht­und­vier­zig Stun­den! Sie ver­lie­fen größ­ten­teils ruhig, doch gegen vier Uhr nachts piep­te der Pager.

Ich rannte los in die Not­auf­nah­me und das, was ich dann er­blick­te, schwirrt mir noch immer im Kopf he­rum. Es lässt mich nicht los. Oh man, wenn ich daran zu­rück­den­ke, fängt mein Herz an zu ra­sen. Es war so verrückt! Mein per­sön­li­cher Pa­tient in die­ser Nacht war kein ge­rin­ge­rer als George Clooney! Er dreht wohl ge­ra­de einen Film hier in Ber­lin und hatte allen Erns­tes eine Ver­let­zung am Set. »Ver­let­zung« ge­hört da­bei in An­füh­rungs­zei­chen, denn es lässt sich wohl da­rü­ber strei­ten, ob man für eine klei­ne Schürf­wun­de am Un­ter­arm um vier Uhr nachts in die Not­auf­nah­me fah­ren muss, aber gut.

Was ich dir sagen will: Es war alles halb so wild, aber es wurde ein­fach zu einer über­dra­ma­ti­schen Szene auf­ge­putscht. George Clooney sitzt auf der Lie­ge in der Not­auf­nah­me, schaut skep­tisch durch die Ge­gend und um­klammert mit der Hand des ge­sun­den Arms seinen auf­ge­schürf­ten. Als ich he­rein­komme, dreht er den ver­letz­ten Arm und ver­zieht da­bei schmerz­er­füllt sein Ge­sicht. Kurz da­rauf stöhnt er so­gar und ver­dreht die Au­gen! Mia, es war eine Ab­schür­fung, keine fünf Zen­ti­me­ter im Durch­messer. Schau­spie­ler sag ich da nur!

Um ihn herum standen drei seiner Mit­ar­bei­ter. Irgend­wel­che Leute vom Manage­ment, die mit ihren Mo­bil­te­le­fo­nen be­schäf­tigt waren. Die Kran­ken­schwes­tern stan­den in der Nähe und guck­ten nur in die Röhre. Irgend­wie war das Gesamt­bild schon so skurril. Nun ja, der Ober­arzt teil­te mir George Cloo­ney zu und sag­te mir, dass ich mich auf­grund meines Aus­lands­aufent­hal­tes in Ame­ri­ka bitte um unseren Promi­pa­tien­ten kümmern soll. In die­sem Moment schritt eine der Empfangs­damen auf George Clooney zu und reich­te ihm einen Plas­tik­becher, ge­füllt mit unserem Auto­ma­ten­kaffee. Ich hörte George sagen: »No Nes­presso? Hmm … Al­right.« Ob das als Scherz ge­meint war, weiß ich nicht, aber alle An­we­sen­den lach­ten an­ge­spannt oder schmun­zel­ten höf­lich.

Ich ging also zu George Clooney und seiner Schürf­wunde hi­nü­ber, stellte mich vor und sagte ihm, dass ich mich um ihn kümmern und die Wun­de ver­sor­gen werde. In einem kla­gen­den Laut ant­wor­te­te er mir: »Thank you very much my dear. I’m in a lot of pain.« Ich hob seinen Arm an, um die Wun­de zu be­gut­ach­ten, was ihm ein er­neu­tes Stöh­nen ent­lock­te. Dann teilte ich ihm mit, dass ich die Wunde des­in­fi­zie­ren und ein Pflas­ter drauf­kle­ben würde. George Clooney schloss die Augen und nickte mit schlo­ttern­den Lippen. Mia, ich habe noch nie so etwas er­lebt. Das ist doch ein Mann! Wie kann man sich so an­stellen? Ich holte also das Spray und sprüh­te es auf die Wun­de.

»Holy moly, it hurts so bad!«, schrie Mr Clooney auf. Ich nickte ver­ständ­nis­voll, denn ich wuss­te nicht, was ich sonst ma­chen sollte.
»Please be care­ful with Mr Clooney, Missy! You don’t want to be res­pon­sible for his death, do you?«, er­mahnte mich eine seiner An­ge­stell­ten. Keine Ahnung was das für Leute waren, aber okay. Was für ein ko­mi­scher Hau­fen! Nachdem die Wunde des­in­fi­ziert war, kleb­te ich das Pflas­ter auf. »Alright, all done, Mr Clooney! You’re free to go.«
»Thank you. One important matter re­mai­ning though. Would you please kiss it better?«
»Excuse me?«
»Would you please kiss it better? I need to finish this movie and to do so I have to be in the right mood. Right now, I feel quite afflic­ted and stri­cken. A state of mind that pre­vents me from being as good as I usually am. Do you want to be enter­tained? Then please kiss it better.« Ich schaute ihn nur mit offenem Mund an. »Nevermind. I guess this movie won’t win an Oscar then.« Und damit stand er auf, die drei an­deren Men­schen im Schlepp­tau, und stolz­ierte aus dem Kran­ken­haus hi­naus. Was sagt man denn dazu?

Ich hoffe, ich höre bald wieder von dir!
Deine Lisa


Der Writing Friday ist ein Projekt, das von der lieben Read Books and Fall in Love ins Leben gerufen wurde. Dabei gibt es für jeden Freitag im Monat ein Thema, zu dem man etwas schreiben darf. Wahr, ausgedacht, lang, kurz, Gedicht oder nicht — das kann sich jeder selbst überlegen; Hauptsache man schreibt. Bei so einem Projekt schließe ich mich gerne an und schaue, was dabei herauskommt. Bitte erwartet hier aber keine hohe Form von Literatur.

Dieser Text ist zu dem Thema Du hast gerade deinen ersten Arbeitstag als Assistenzarzt im Krankenhaus. Beschreibe einer Freundin ein besonders verstörendes Erlebnis entstanden.

Janika Zeilenwanderer Signatur

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Comments

  • Bücherfieber

    April 14, 2018 at 18:43
    Antworten

    Ich musste wirklich lachen an der Stelle, wo seine Lippen angefangen haben zu zittern. Der arme George! Wirklich sehr lustig und irgendwie kam es auch sehr real herüber. LG Svenja von Bücherfieber Hier kommst du zu meinem Beitrag

  • abookishloveaffaire

    April 13, 2018 at 19:06
    Antworten

    Huhu Janika, auch Du hast die Aufgabe super gelöst wie ich finde. Ich habe selber noch keine Idee was ich an meinem ersten Tag als Assistenzärztin so erleben könnte, von daher auch Hut ab vor Deiner Kreativität.

  • weltaustinteundpapier

    April 13, 2018 at 18:23
    Antworten

    Oh Mann, das ist soooo witzig. :) Da hat Lisa die Gelegenheit, einen echten Hollywood-Schauspieler zu treffen und dann das. Aber von Männern ist man es ja gewohnt, dass sie mehr als nötig leiden. :P Liebe Grüße und Danke für die Lacher, Anna

  • leesbuecher

    April 13, 2018 at 12:44
    Antworten

    Huhu, das ist ja ne mega geniale Idee. :D Ganz ehrlich? So ungefähr stelle ich mir Schauspieler tatsächlich vor. Wegen alles einen großen Aufwand betreiben und wenn man dann vor der "lebensgefährlichen Wunde" steht denkt man sich: Naja. Da ist ja meine fünfjährige Cousine tapferer. Richtig tolle Idee! :) Liebe Grüße Lee.

    • Janika
      to leesbuecher

      April 13, 2018 at 18:31
      Antworten

      Ich stelle mir auch viele so vor. Wobei ich denke, dass George Clooney einer der alten Schule ist und sich zusammenreißen würde. Irgendwie hat er aber beim Schreiben in den Text gepasst 😄

  • idasbookshelf

    April 13, 2018 at 11:41
    Antworten

    Selten so gelacht! :D Abgefahrene Idee, dass Mr. Clooney persönlich in der Notaufnahme auftaucht und dann auch noch ein Besserungsküsschen auf sein Pflaster haben will. :D Danke für die Lachtränen! :D

  • Daniela | Livricieux

    April 13, 2018 at 11:17
    Antworten

    Oh my gosh! Ich kugle mich vom Stuhl vor lauter Lachen! :D

  • elizzy91

    April 13, 2018 at 11:07
    Antworten

    Hallo liebe Janika, das ist ja mal eine witzige Idee :D du hast mich gerade echt zum Lachen gebracht, so etwas vergisst man wohl nicht mehr so schnell ;)

    • Janika
      to elizzy91

      April 13, 2018 at 18:30
      Antworten

      Hahaha das glaube ich auch 😄 Schön dass dir der Text gefällt 😊

  • Miriam//howaboutlife

    April 13, 2018 at 10:22
    Antworten

    Das ist in der Tat ein verstörendes Erlebnis mit Mr. Clooney gewesen! :D Aber wie kann man ihm auch etwas anderes als Nespresso anbieten? Auf jedenfall sehr unterhaltsam geschrieben. :-)

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