Die Ausgeburt der Hölle

Natürlich hätte man längst wissen können, dass Maja nicht die Wahrheit sagte. Aber sie blieb fest bei ihrer Meinung. Gerade saß sie auf dem Sofa ihrer Freundin Madita und hielt eine Teetasse in der Hand. Es war mal wieder Zeit für den wöchentlichen Kaffeeklatsch. Dieses Mal fand er nicht in einem Café statt, sondern in Maditas Wohnzimmer, inklusive Tarzan, Maditas vier Monate altem Kater.

»Eigentlich hasse ich Katzen. Sie sind so unberechenbar und garstig«, beteuerte Maja ein weiteres Mal, während Tarzan sich schnurrend an ihrem Bein rieb. »Wieso dieses Ding mich heute offensichtlich besonders mag, weiß ich auch nicht.« Sie bestrafte das Tier mit einem anklagenden Blick und geschürzten Lippen.

»Vielleicht weil du Tarzan die ganze Zeit den Rücken kraulst?“ Schnell zog Maja die Hand von der Katze weg. Überrascht, dass ihre Missetat der Freundin aufgefallen war.

»Ich glaube nicht. Ich vermeide tunlichst den Körperkontakt zu haarigen Tieren. Tino … eh, Tarzan zu berühren, würde mir nicht einfallen.« Sie beobachtete den Kater, der sie misstrauisch beäugte, jetzt wo er nicht mehr gestreichelt wurde. »Und, wie läuft’s mit Thomas? Hat er sich nach eurem letzten Streit wieder beruhigt?«

»Ahja«, entgegnete Madita und trank einen Schluck aus ihrer Tasse. »Ja, Thomas. Was soll ich sagen? Es ist mal so, mal so. Nach dem letzten Wochenende …« Madita brach den Satz ab, als sie Maja bemerkte, die ihre volle Aufmerksamkeit der jungen Katze schenkte. Diese haute willkürlich auf einen kleinen rosafarbenen Plastikball ein, der mit kleinen Glocken ausgestattet war und mit jedem Schlag der Katze bimmelnde Geräusche von sich gab. »Maja?«

»Schau dir nur seine wunderbaren Ver–… Tut mir leid. Bei diesem Höllenlärm, der von diesem Ding veranstaltet wird, kann man sich ja nicht konzentrieren.« Maja beugte sich herunter, entriss Tarzan dem Ball und warf ihn davon. »Wer kommt eigentlich auf die Idee, Tierspielzeuge herzustellen, die so nervtötende Geräusche produzieren? In meinen Ohren klingelt es noch immer! Ich glaube, ich bekomme einen Tinnitus. Pardon, was war letztes Wochenende?«

»Also … letztes Wochenende«, fuhr Madita fort. Doch die Worte rauschten an Maja vorbei. Ihre Augen verweilten auf Tarzan, der sie nun herzzerreißend aus großen Katzenaugen ansah. Es zuckte in ihrer Hand. Sie wollte das samtene Fell so sehr berühren. Ihrem stillen Verlangen nachgeben. Sie zuckte erneut und schob die Hand an ihrem Bein herab, Tarzan entgegen.

»Oh, dieses Biest. Es attackiert mich!«, unterbrach Maja den Monolog der Freundin, als Tarzan seinen Kopf in Majas Hand schob und ein kehliges Schnurren seiner Kehle entwich. »Ich kann dir nicht zuhören, solange ich dieser ständigen Gefahr in deiner Wohnung ausgesetzt bin. Meine Nerven!«

Da hörte man ein zartes Maunz. Aus großen Augen guckte der junge Kater zu Maja empor. Streichle mich. Hab mich lieb, schien er sagen zu wollen. Ich weiß, du willst es. Eben hast du meinen Lieblingsball wegworfen, jetzt streichle mich und ich verzeihe dir. Hab mich lieb. Mein Fell ist weich und ich bin süß.

»Ich glaube, dieses Untier versucht gerade in die Tiefen meiner Seele zu schauen. Wurden Katzen nicht oft für satanische Rituale benutzt? Sie sind eine Ausgeburt der Hölle, wenn du mich fragst.« Tarzans Pfote hob sich. »Madita, nimm es weg. Es greift gleich an, ich spüre es. Es wetzt schon seine Krallen!«

»Na, jetzt hör aber mal auf. Er tut schon nichts. Außerdem erzähle ich dir gerade von Thomas und meinem letzten Drama. Interessiert dich das denn gar nicht?«

Und in diesem Moment überkam es Maja.

»Och, herrje! Komm her, du kleiner süßer Fratz. Du niedlichstes Stubentigerchen der ganzen Welt mit dem zauberhaftesten rosa Näschen. Du göttliches Wesen, mit dem gar samtensten Fell und den kleinsten Tapsepfötchen. Lass dich drücken, du Wonneproppen. Ich zeige dir, was wahre Liebe ist!« Maja hob das Kätzchen hoch, drückte es an ihr Gesicht und flüsterte: »Dich lass ich nie mehr gehen. Sag hallo zu deiner neuen Mama.«

Madita verdrehte die Augen. »Du hasst Katzen. Ist klar …«


Der Writing Friday ist ein Projekt, das von der lieben Read Books and Fall in Love ins Leben gerufen wurde. Dabei gibt es für jeden Freitag im Monat ein Thema, zu dem man etwas schreiben darf. Wahr, ausgedacht, lang, kurz, Gedicht oder nicht — das kann sich jeder selbst überlegen; Hauptsache man schreibt. Bei so einem Projekt schließe ich mich gerne an und schaue, was dabei herauskommt. Bitte erwartet hier aber keine hohe Form von Literatur.

Dieser Text ist zu dem Thema Schreibe den Anfang einer Geschichte, die mite dem Satz beginnt: Natürlich hätte man längst wissen können, dass Maja nicht die Wahrheit sagte entstanden.

Janika Zeilenwanderer Signatur

 

11 comments
5 likes
Letzter Post: Loel Zwecker – Vom Anfang bis heuteNächster Post: Sonntagszeilen – Muffins, Kuchen & Kekse

Related posts

Comments

  • […] Janika […]

  • weltaustinteundpapier

    März 16, 2018 at 14:02
    Antworten

    Liebe Janika, deine Geschichte hat mich wirklich zum Schmunzeln gebracht. Im meine: Wer kann schon einem so niedlichen kleinen Fellknäuel wie Tarzan widerstehen? Obwohl ich eher […] Read MoreLiebe Janika, deine Geschichte hat mich wirklich zum Schmunzeln gebracht. Im meine: Wer kann schon einem so niedlichen kleinen Fellknäuel wie Tarzan widerstehen? Obwohl ich eher ein Hundemensch bin, wäre ich auch schwach geworden. :) Liebe Grüße, Anna Read Less

    • Janika
      to weltaustinteundpapier

      März 17, 2018 at 8:56
      Antworten

      Liebe Anna, so geht es mir auch. Ich bin ebenfalls durch und durch Hundemensch, aber wenn ein kleines Kätzchen mit mir schmusen möchte, bin ich wohl […] Read MoreLiebe Anna, so geht es mir auch. Ich bin ebenfalls durch und durch Hundemensch, aber wenn ein kleines Kätzchen mit mir schmusen möchte, bin ich wohl die letzte Person, die da nein sagt 😆 Liebe Grüße und dir ein fantastisches Wochenende, Janika Read Less

  • idasbookshelf

    März 16, 2018 at 13:24
    Antworten

    Hallo liebe Janika! Da muss ich mich den anderen beiden anschließen, es ist ein wirklich putziger Text geworden. :D Ich hätte Maja den Kater am liebsten […] Read MoreHallo liebe Janika! Da muss ich mich den anderen beiden anschließen, es ist ein wirklich putziger Text geworden. :D Ich hätte Maja den Kater am liebsten selbst ins Gesicht gedrückt und gerufen: "Jetzt lüg hier mal nicht so rum und streichel' ihn endlich!" :D Als absoluter Katzenmensch kann ich bei den eigenwilligen Samtpfoten auch nicht widerstehen - Widerstand ist zwecklos ;) Liebste Grüße und ein schönes Wochenende! Ida Read Less

    • Janika
      to idasbookshelf

      März 17, 2018 at 8:55
      Antworten

      Liebe Ida, ja, genau! Dass man überhaupt über Männer reden möchte, wenn ein kleines Kätzchen im Raum ist! Also wirklich 😄😄 Liebe Grüße und dir ebenfalls […] Read MoreLiebe Ida, ja, genau! Dass man überhaupt über Männer reden möchte, wenn ein kleines Kätzchen im Raum ist! Also wirklich 😄😄 Liebe Grüße und dir ebenfalls ein tolles Wochenende, Janika Read Less

  • Buchperlenblog

    März 16, 2018 at 11:08
    Antworten

    Huhu liebe Janika! :) Was für ein niedlicher Text! Es gibt ja durchaus diese Menschen, die nicht mit Tieren und insbesondere mit Katzen können, aber bei […] Read MoreHuhu liebe Janika! :) Was für ein niedlicher Text! Es gibt ja durchaus diese Menschen, die nicht mit Tieren und insbesondere mit Katzen können, aber bei deiner Beschreibung von Tarzan... da kann man doch nicht widerstehen! 😄 Liebe Grüße! Gabriela Read Less

    • Janika
      to Buchperlenblog

      März 16, 2018 at 11:16
      Antworten

      Liebe Gabriela, Danke! Ja, das sehe ich auch so. Bei Babykatzen schmilzt auch mein Herz 💕 Liebe Grüße, Janika

  • elizzy91

    März 16, 2018 at 11:06
    Antworten

    Hallo Janika, welch reizende Katzengeschichte :D hast du selbst auch eine Katze?

    • Janika
      to elizzy91

      März 16, 2018 at 11:15
      Antworten

      Hallo Elizzy, hahaha vielen Dank! Nein, ich bin ein Hundemensch und habe eine kleine Pudelterrierdame. Und du? 😌

    • elizzy91
      to Janika

      März 16, 2018 at 11:18
      Antworten

      Ach so dachte nur weil du dies so gut beschrieben hast :D ich bin auch absolut ein Hundemensch und habe einen kleinen Hund :D

    • Janika
      to elizzy91

      März 17, 2018 at 8:53
      Antworten

      Ach schön! Ich bin immer immer fasziniert von Katzen, aber ich weiß nie so recht wie ich sie einschätzen soll. Von daher würde ich mich […] Read MoreAch schön! Ich bin immer immer fasziniert von Katzen, aber ich weiß nie so recht wie ich sie einschätzen soll. Von daher würde ich mich auch immer als Hundemensch bezeichnen 😆 Read Less

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Über mich
Janika Mielke Portrait

Hallo und herzlich willkommen auf Zeilenwanderer. Ich bin Janika und schreibe hier über Literatur und mehr. Viel Spaß beim Stöbern und Entdecken! Mehr über mich

Aktuelle Lektüre


Leigh Bardugo – Six of Crows

Leigh Bardugo – Six of Crows

Blog abonnieren

Ihr wollt mir via WordPress Reader folgen? Nichts leichter als das! Einfach Zeilenwanderer in das Suchfeld eingeben und abonnieren.

Oder ihr klickt auf diesen Link Zeilenwanderer, um direkt zu abonnieren (Eine Weiterleitung erfolgt nur, wenn ihr über WordPress angemeldet seid).

Aktuelle Beiträge
Instagram
Beliebte Beiträge
Archiv
Gut zu wissen

Rezensionsexemplare erhalte ich im Austausch gegen eine Rezension. Meine Meinung bleibt dabei jedoch immer ehrlich und unverfälscht.

Mit einem Klick auf die auf Zeilenwanderer verwendeten Links (wie bspw. Instagram) werden Daten an die Server der entsprechenden Seiten gesendet und verlassen damit diese Seite.

Weitere Informationen zu diesem Thema findet ihr hier und hier