Ignoranz & Gleichgültigkeit

Es ist Abend und wir fahren durch die dunkle Stadt. Hin und wieder leuchten Laternen auf, aber man erkennt dennoch nur grobe Umrisse. Als wir über eine Brücke fahren, sehe ich eine rennende Gestalt. Sie ist groß und wirkt bedrohlich. Ein Mann. Einige Meter vor ihm läuft eine kleinere, dickliche Gestalt. Der Größe nach zu urteilen wohl noch ein Kind. Ein Junge. Er wird von dem Mann verfolgt. Wir fahren vorbei, werden langsamer und ich öffne die Beifahrertür.

»Los, schnell! Steig ein. Wir helfen dir«, rufe ich dem Jungen zu. Dieser schaut mich nur mit zusammengezogener Stirn an und rennt weiter. Wir beschleunigen unser Tempo erneut, fahren wieder einige Meter vor ihn und wiederholen das Prozedere. Langsamer fahren, Tür öffnen und dem Jungen die Chance geben, der Bedrohung endgültig zu entkommen. Aber er rennt ein zweites Mal vorbei. Jetzt mit dem Kommentar »Nein, man! Hab keinen Bock auf euch.« Na gut, dann eben nicht. Wir fahren ohne ihn weiter.

Wir sind in diesem Fall mein Freund und ich. Auf der Rückbank ist Peony, unser Hund. Oh, und jetzt befinde ich mich ebenfalls auf der Rückbank des Autos. Plötzlich ist es hell, anscheinend ist es Tag geworden. Hier gelten wohl nicht die uns bekannten Naturgesetze, aber das ist eigentlich auch belanglos und mir in diesem Moment vollkommen schnuppe.

Die Stadt haben wir ebenfalls verlassen. Nun ist es ländlich, wie auf einem Dorf und wir fahren friedlich durch die Gegend. Dorfstraße reiht sich an Dorfstraße, Baum an Baum. Hier ist die Welt noch in Ordnung.

Da! Wieder der Junge. Dieses Mal erkenne ich ihn besser. Er erinnert mich an jemanden, aber mir fällt der Name nicht ein. Der Verfolger ist ihm immer noch auf den Fersen, aber es ist nicht mehr die gleiche Person. Die bedrohliche Gestalt, die ich trotz Dunkelheit klar als Mann einordnen konnte, wurde zu einer Frau. Sie ist schlank und sieht sportlich aus. Trotzdem ist der Abstand zwischen ihr und dem moppeligen Jungen nicht gering. Logisch ist das nicht, aber manche Dinge benötigen keine Erklärung. Dieses Mal öffnen wir die Tür nicht und bieten ihm keinen Ausweg aus seiner Situation. Soll er doch weiterlaufen und glücklich werden.

Auf einmal rasen wir auf eine Laterne zu. Ich brülle laut »Dominik!«, obwohl das gar nicht der Name meines Freundes ist. Der Laternenpfahl schneidet sich durch das Auto und hinterlässt es beinahe in zwei Hälften. Es muss so aussehen als wäre eine Stichsäge quer durchs Auto geschnitten und hätte in der Mitte gestoppt, so gerade ist der Riss im Auto. Weitere Beschädigungen sind nicht zu sehen, keine Dellen oder Kratzer. Nur ein sauberer Schnitt, geradewegs durch die Mitte.
»Mensch!«, rufe ich empört. »Fünfzehn Zentimeter mehr und es hätte Peony erwischt.« Der Hund liegt friedlich auf der Rückbank und schläft.
»Hmm… Ups?«, ist die monotone Antwort meines Freundes. »Ich glaub, das Auto kann nicht mehr fahren. Lass mal zu Fuß weitergehen.«
»In Ordnung.«


Der Writing Friday ist ein Projekt, das von der lieben Read Books and Fall in Loveins Leben gerufen wurde. Dabei gibt es für jeden Freitag im Monat ein Thema, zu dem man etwas schreiben darf. Wahr, ausgedacht, lang, kurz, Gedicht oder nicht — das kann sich jeder selbst überlegen; Hauptsache man schreibt. Bei so einem Projekt schließe ich mich gerne an und schaue, was dabei herauskommt. Bitte erwartet hier aber keine hohe Form von Literatur.

Dieser Text ist zu dem Thema Beschreibe den letzten Traum, an den du dich erinnerst so detailliert wie möglich entstanden, was wohl die Frage beantwortet, warum dieser Text so skurril ist.

Ich bin wirklich dankbar, dass ich mich endlich, nach drei Wochen des Wartens, an einen Traum erinnere, der halbwegs vorzeigbar ist. Die Träume, an die ich mich ansonsten erinnere, sind einfach nicht in Worte zu fassen. Dieser hat mich nach dem Aufwachen noch zum Schmunzeln gebracht. Was für seltsame Umstände sind mir da eingefallen und wie untypisch ist das Verhalten meines Liebsten und mir zum Schluss des Textes?

Janika Zeilenwanderer Signatur

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