Colleen Hoover – Too Late

Ihr Lieben, vielleicht wisst ihr es, aber Colleen Hoover zählt mit zu meinen ab­solu­ten Lieb­lings­auto­ren. Wenn sie ein neues Buch ver­öffent­licht, kaufe ich es meis­tens di­rekt. Nicht bei Too Late. Der Ti­tel er­schien im Ori­gi­nal schon vor eini­gen Jah­ren, sprach mich vom Klappen­text her aller­dings nicht an. Als die­ses Jahr die Über­setzung er­schien, kauf­te ich es mir aber und habe es An­fang Au­gust mit der lieben Zei­len­tänze­rin ge­le­sen. Viel Spaß mit der Re­zen­sion zu diesem doch recht düste­ren Hoover-Roman.

Kurzbeschreibung

Sloan geht je­den Tag durch die Hölle: Sie lebt bei ihrem Freund Asa – einem bru­ta­ler Drogen­dea­ler –, von dem sie sich nicht los­ma­chen kann. Sie wird körper­lich und see­lisch ver­letzt, ih­ren Stolz hat sie schon lan­ge hinter sich ge­lassen und sieht sich in einer aus­weg­lo­sen Si­tua­tion. Bis sie auf Car­ter trifft … 

Ich will weg von hier.
Ich will weg.
Nur weg.
Aber ich kann nicht. Weil es hier nicht nur um mich geht.

— S. 28

Meinung

Ich lese die Bücher von Colleen Hoover seit Jah­ren. Ich bin es ge­wohnt, dass sie ernste The­men an­spricht und sich nicht da­vor scheut, die Her­zen der Leser zu bre­chen. Aber dass Hoover so düs­ter und tief in die Ab­grün­de der Men­schen ein­tau­chen würde, habe ich nicht ge­dacht. In Too Late tut sie es und diese Re­zen­sion zu schrei­ben, ist für mich da­her auch eine klei­ne He­raus­forde­rung. Gehen wir es also an!

Das Buch startet di­rekt mit einem Schock. Leser wer­den Zeuge, wie Sloan zu un­frei­willi­gem Sex ge­nötigt wird. Sie will nicht mit Asa schla­fen, aber tut es, weil sie nicht möchte, dass er wü­tend wird. Die Szene ist er­schre­ckend und wird von Hoover dem­ent­spre­chend vul­gär be­schrie­ben. Dieser teil­wei­se wirk­lich der­be Aus­druck war ich bis dato nicht von der Auto­rin ge­wöhnt, aber so un­gern ich sol­che Wörter lese, so passend wa­ren sie für die Si­tu­ation.

too late colleen hoover

Handlung

Der Start ins Buch ist scho­ckie­rend – genau wie der Rest des Buches –, aber man muss Colleen Hoover eines lassen. Sie bin­det den Leser un­glaub­lich an die Ge­schich­te. Wie bei je­dem Colleen Hoover Buch macht Too Late süch­tig. Ich war so­fort im Ge­sche­hen und wusste, dass Sloan in einer sehr schwie­ri­gen Be­zie­hung steckt. Es ist ein gru­seli­ges Thema, ei­nes, das ei­nem eine Gän­se­haut ver­passt. Ich hatte beim Lesen von Be­ginn an das Gefühl, dass etwas nicht stimmt.

Dementspre­chend düs­ter nimmt das Buch seinen Lauf. Ich be­fand mich wäh­rend der Lek­tü­re in einem selt­sa­men Kon­flikt, denn auch wenn die Ge­schich­te ex­trem hef­tig ist, konnte ich nicht mit dem Lesen auf­hö­ren. Es gibt prak­tisch kei­nen Still­stand – Colleen Hoover sorgt am laufen­den Band für schö­ne oder schreck­li­che Momen­te, die mich mit­fie­bern ließen.

Ich beuge mich vor und drücke die Stirn gegen das Lenkrad. Mir graut vor dem, was unausweichlich auf uns zukommt.

— S. 146

Was mir bei der Hand­lung auch ex­trem gut ge­fallen hat, ist das lo­gi­sche Den­ken der Per­so­nen. Klar, nicht alle tun das, was man für rich­tig hal­ten wür­de, aber es gibt rati­ona­les Den­ken und so ver­zich­tet Colleen Hoover auf je­de Men­ge Drama.

Es gibt ja so Ge­schich­ten, in de­nen ver­hält sich Per­son XY aus einem be­stimm­ten Grund, den man als Leser ab­so­lut nach­voll­zie­hen kann, auf eine ge­wisse Art. Dies wird von Person XZ aber falsch inter­pre­tiert, was zu je­der Menge Drama führt. In Too Late ist das nicht der Fall und ich bin un­glaub­lich glück­lich, dass Colleen Hoover Cha­rak­te­re ge­schaffen hat, die über kind­li­chen Strei­te­rei­en und Miss­ver­ständ­nissen ste­hen. Dafür wäre das The­ma des Ro­mans auch schlicht­weg das falsche.

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Schreibstil + Figuren

Erzählt wird Too Late aus der Sicht von drei Per­so­nen: Sloan, Carter und Asa. Colleen Hoover ge­lingt es dabei, je­der Fi­gur eine ande­re Grund­stimmung mit­zu­ge­ben. Sloans Kapi­tel empfand ich als sehr emo­tio­nal. Man be­glei­tet sie ans College und sü­ßen Flirts. Dabei fühlt man sich wohl. Ganz schnell kann das Sze­na­rio jedoch auch wechseln, und der Leser fürch­tet sich mit Sloan, fühlt sich be­droht, un­si­cher und hilf­los. Ich mochte Sloan die meiste Zeit der Lek­tü­re über zwar, aber ans Herz wachsen konn­te sie mir nicht. Ich konnte sie als Fi­gur nicht immer grei­fen und fand ihr Ver­hal­ten hin und wieder sehr spe­ziell und ver­wirrend. 

Carters Kapi­tel sind nach einem ähn­li­chen Mus­ter auf­ge­baut wie Sloans. Es gibt die leich­te, gute Stimmung, doch auch ihr wohnt immer ein bitte­rer Bei­ge­schmack inne, weil man weiß, dass die Si­tua­tion schnell um­schwen­ken kann. Auch bei Carter gibt es die­se an­ge­spann­ten Kapi­tel, bei de­nen man da­rauf war­tet, dass etwas schief geht. Cha­rak­ter­tech­nisch ist Carter für mich lan­ge Zeit das High­light des Bu­ches ge­we­sen. Ich mag ihn un­glaub­lich gerne und finde, dass er sich Sloan ge­gen­über sehr lieb und fair ver­hält. 

Die Liebe findet dich in der Tragödie.
Das war der Moment, in dem Carter mich gefunden hat. Inmitten einer Serie von Tragödien.

— S. 163

Bei Asa hingegen gibt es eigent­lich nur eine Art des Er­zäh­len: Seine Ka­pi­tel sind er­schre­ckend bru­tal, vul­gär und wir­ken be­droh­lich. Seine Kapi­tel haben ein­fach einen Ton inne, der mich un­wohl füh­len lässt. Be­son­ders gruse­lig finde ich dabei Asas Un­be­rechen­bar­keit. Sämt­li­che Kapi­tel, in de­nen er vor­kommt, liest man an­ge­spannt, weil man auf den Tropfen war­tet, der das Fass zum Über­lau­fen bringt und der ihn explo­die­ren lässt. 

Hin und wieder nimmt uns Colleen Hoover auch mit in Asas Ver­gangen­heit und was man dort er­fährt, bricht ei­nem das Herz. Im Laufe der Lek­türe bin ich an ei­nem Punkt an­ge­kommen, an dem ich Asa fürchte­te und ihn gleich­zei­tig be­mit­lei­dete.

Das große Aber (Achtung, Spoiler!)

Auf Seite 299 steht das Wort Ende. Das Ende des Buches ist erreicht, und die­ser Ab­schnitt wäre für mich auch ein ge­lunge­nes Ende. Man weiß, dass Sloan und Luke zu­einan­der fin­den, dass es Asa lang­sam an den Kra­gen geht, und gleich­zei­tig ist es so offen, dass man sich eige­ne Ge­dan­ken spinnen kann. Für mich wäre es per­fekt ge­wesen – Too Late wäre ein abso­lutes Lese­high­light ge­wor­den, das mich komplett fesseln konnte.

Doch es geht noch 160 Seiten weiter und mein ehr­li­cher Tipp an alle, die vor­ha­ben, das Buch noch zu lesen. Spart euch die letz­ten Seiten. Hört da auf, wo Colleen Hoover Ende schreibt. Der Epi­log, der Epi­log zum Epi­log, der Prolog und alles was auf die letz­ten Sei­ten ge­quetscht wurde, macht das Lese­er­leb­nis kaputt.

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Ich weiß auch gar nicht, was ich zu dem In­halt des Epi­logs – ich fasse jetzt mal die einzel­nen Ab­schnitte unter Epi­log zu­sammen – sagen soll. Denn die Dinge, die da passie­ren, wir­ken un­stimmig zum Rest der Ge­schich­te. Sie sind abso­lut ab­surd, die Figu­ren be­neh­men sich mehr als selt­sam und out-of-cha­rac­ter, und im Ge­samt­bild passt ein­fach gar nichts mehr zusammen.

Sloan wurde zu einer Figur, die ich vorne und hin­ten nicht ver­ste­hen konnte. Ihr Handeln in einer Szene ist für mich voll­kommen un­lo­gisch und ich halte auch nichts davon. Luke hat sich zur pu­ren Kitsch-Per­son ent­wi­ckelt und scheint Sloan so sehr zu ver­göttern, dass er nicht mehr zum nor­ma­len Denken fähig ist. Die ein­zi­gen Kapi­tel, die ich wirk­lich ge­nie­ßen konnte, waren Asas. Doch auch bei ihnen hat sich Hoover vom lo­gi­schen Den­ken ver­ab­schie­det. So leid es mir tut, im Epi­log wirkt alles an den Haa­ren her­bei ge­zo­gen und ich hatte kaum Freu­de beim Lesen.

Too Late ist ein Buch, das den Leser unglaublich fesselt, emotional in tiefe Abgründe reißt und bestürzt zurücklässt. Ein Buch mit absolutem Suchtfaktor. Das letzte Drittel mit den verschiedenen Epilogen hätte sich Hoover jedoch sparen können – für mich der ausschlaggebende Grund, dass das Buch kein Highlight ist.

Janika Zeilenwanderer Signatur

Eckdaten: Colleen Hoover – Too Late – bold – 2019 – 464 Seiten – 14,90 €

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Comments

  • […] mei­den würde. Solche Figu­ren gibt es in Bü­chern ja häufig, ich denke da zum Bei­spiel an Asa aus Too Late. Der Unter­schied liegt nun da­rin, dass Asa einen so furcht­ein­flößen­den Cha­rak­ter […]

    • Auch ich liebe die Bücher von Colleen Hoover. Mein erstes Buch war Hope forever - ich war schnell begeistert. Der Schreibstil und die tiefgründige Handlung gefällt mir super und ich werde höchstwahrscheinlich auch dieses Buch lesen, es steht jedoch leider noch nicht in meinem Bücherregal, aber das kann sich ja noch ändern […] Read MoreAuch ich liebe die Bücher von Colleen Hoover. Mein erstes Buch war Hope forever - ich war schnell begeistert. Der Schreibstil und die tiefgründige Handlung gefällt mir super und ich werde höchstwahrscheinlich auch dieses Buch lesen, es steht jedoch leider noch nicht in meinem Bücherregal, aber das kann sich ja noch ändern ;) Read Less

    • Janika
      to Katrin

      September 21, 2019 at 10:07
      Antworten

      Hey, ich kann dir »Too Late« auch absolut empfehlen. Der Schreibstil ist gewohnt erstklassig und die Handlung ist auch wunderbar – allerdings eben nur bis zum ersten Ende. Mein ehrlicher Tipp ist wirklich, die letzten 150 Seiten wegzulassen, auch wenn es ein großer Teil des Buches ist. Alles Liebe. Janika

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