Maggie Stiefvater – The Scorpio Races

Jeder von uns hat sie. Die Autoren, die einem mit nahezu jedem Buch begeistern können. Für mich gehört Maggie Stiefvater zu ihnen. Ihren Roman Nach dem Sommer habe ich 2009 gelesen – verrückt, das ist beinahe zehn Jahren her! – und ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie fasziniert ich von diesem Buch war. Selten hielt ich so ein magisches Buch in den Händen wie Nach dem Sommer. Und so war mein Feuer für Maggie Stiefvater entfacht. Heute geht es allerdings nicht um Nach dem Sommer, sondern um ein Buch, das einige Jahre danach veröffentlicht wurde: The Scorpio Races oder wie der deutsche Titel lautet Rot wie das Meer.

It’s easy to convince men to love you, Puck. All you have to do is be a mountain they have to climb or a poem they don’t understand. Something that makes them feel strong or clever. It’s why they love the ocean.

— S. 306

Kurzbeschreibung

Auf der Insel Thisby gibt es eine jährliche Tradition: Die Scorpio Races. Es ist eine Art Pferderennen, allerdings nicht mit normalen Pferden, sondern mit Capall Uisce – monströse Wasserpferde, die auch nicht davor scheuen, Menschen zu verletzen. Dieses Rennen ist gefährlicher als jeder andere Sport, aber auch der angesehenste. Und so möchte auch Puck mitreiten, und das als erste Frau. Es gibt jedoch ein Problem: Im Gegensatz zu allen anderen besitzt Puck kein Capall Uisce, mit dem sie das Rennen bestreiten kann, sondern eine ganz normale Stute namens Dove.

Meinung

An das Lesen dieses Romans erinnere ich mich noch ganz genau. Es war während meiner Zeit als Au Pair und meine Gastfamilie und ich sind gerade im Skiurlaub in Österreich gewesen. Selbstverständlich habe ich mich oft um die Kinder kümmern müssen, doch ich weiß noch, wie glücklich ich war, wenn sie einschliefen und ich mich wieder in die Geschichte stürzen konnte. The Scorpio Races ist nämlich eines jener Bücher, die man nicht aus den Händen legen mag.

Schreibstil

Wer bereits ein Buch dieser Autorin gelesen hat, weiß, wie wunderschön poetisch-melancholisch ihre Wortwahl ausfallen kann. Und dies zeigt Maggie Stiefvater auch in The Scorpio Races. Ich weiß gar nicht genau, wie ich es treffend beschreiben soll, aber die Worte der Autorin fühlen sich so echt an. Als wäre man direkt dabei. Man erlebt das Geschriebene und empfindet eine ganz gewisse Stimmung. Diese poetische Melancholie.

maggie stiefvater

Originalität

Dass ich nur selten so magische Bücher wie dieses gelesen habe liegt mit daran, wie Maggie Stiefvater die Welt aufgebaut hat. Ich habe zuvor noch nie etwas über blutrünstige Wasserpferde gelesen und ich finde es schade, dass ich es bisher auch kein weiteres Mal getan habe. Die Capall Uisce sind so grausam wie sie faszinierend sind und man findet sich im Buch immer wieder beim Schwärmen für diese majestätischen, furchteinflößenden Kreaturen. Man hofft, dass Puck trotz ihrer treuen Stute an eines dieser Geschöpfe kommt, eine Bindung zu ihm aufbaut, seine Nähe sucht …

Gleichzeitig hofft man aber auch, dass es nicht so ist, denn die Capall Uisce sind gefährlich. Sie ernähren sich von Fleisch, es gibt bei dem jährlichen Rennen immer wieder Kandidaten, die es nicht überleben und wenn einmal eine Bindung zwischen Mensch und Wasserpferd besteht, muss der Mensch ganz bestimmte Schutzmaßnahmen ergreifen. Tut er das nicht, gelingt es dem Wasserpferd, dem Menschen die Sinne zu benebeln und ihn ins Wasser zu locken, wo nur der Tod auf ihn wartet. In diesem Buch sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt und man entdeckt sich immer wieder beim Träumen und Fürchten. Das hat mir gut gefallen.

Figuren

In The Scorpio Races begegnen wir hauptsächlich Puck und Sean. Sean ist auf der Insel als Wasserpferde-Flüsterer bekannt und hilft Puck beim Vorbereiten für das Rennen. Beide wuchsen mir im Laufe des Romans ans Herz. Da die Kapitel abwechselnd aus ihren Perspektiven geschildert werden, erleben wir das Geschehene direkt durch Pucks und Seans Augen. Beide haben mit ihrem Umfeld sehr zu kämpfen. Sean arbeitet als Pferdetrainer an einem Hof und kümmert sich um einen Capall Uisce Hengst namens Corr. Er hat eine tiefe Bindung zu ihm aufgebaut und liebt ihn über alles, doch Corr gehört ihm nicht und seine Besitzer, vor allem deren Sohn, bereiten Sean immer wieder Probleme.

I know I should be terrified of tonight and of tomorrow and of the next day, and I am, but I can feel something else, too: excitement.

— S. 203

Und auch Puck hat es nicht immer leicht. Ihre Eltern leben nicht mehr und einer ihrer Brüder möchte Thisby verlassen. Sie ist wütend und einsam und versucht sich und ihre zwei Brüder mit dem verschuldeten Grundstück irgendwie durchzuschlagen. Und dann ist da noch diese große Sehnsucht und Faszination für das Rennen und die Capall Uisce. Dabei ist das Rennen für Puck so viel mehr als nur eine Chance auf einen Sieg. Für sie bedeutet es auch die Rettung ihrer Familie. All diese Punkte gehen dem Leser sehr nahe, da man Pucks und Seans Gedankenwelten offen präsentiert bekommt. Ich habe besonders mit Puck stark mitgefühlt und sie wirklich gemocht. Sie ist wie Sean eine ganz besondere Figur. Gedankenversunken, voller Ambitionen und Ängste, gleichzeitig aber auch mutig und sanft. Ich weiß auch nicht – es sind halt die Maggie-Stiefvater-Figuren, die einem in jedem ihrer Romane fest ans Herz wachsen!

maggie stiefvater the scorpio races

Handlung und Stimmung

Die Handlung setzt sanft ein. Ganz langsam und zögernd spinnt sie sich fort. Die ersten zwei Drittel von The Scorpio Races sind dabei nicht gerade spannungsgeladen. Es passiert schon einiges, nur umfasst es eben die Vorbereitungen des Rennen und es geht mehr in den Köpfen von Puck und Sean vor. Man erlebt ihre Anspannung, spürt ihre Sorgen und ihren Kämpfergeist. Zusammen mit der Unentschlossenheit wie sich die zwei begegnen. Mögen tun sie sich und sie wollen sich auch helfen und unterstützen, ja – doch sie sind eben auch Konkurrenten und für beide bedeutet der Sieg der Scorpio Races viel. Und wenn die Scorpio Races stattfinden, lässt die Spannung nicht mehr auf sich warten.

Bei diesem Roman verfällt man der Insel Thisby voll und ganz. Ich habe es schon einige Male gesagt und auch hier muss ich es wiederholen. Maggie Stiefvater schafft es, eine Welt zu erschaffen, die wie unsere ist. Es fühlt sich wie die reale Welt an, doch irgendwie wirkt es wie ein Schleier, der sich um diese Welt gelegt hat. Ein gewisser Zauber ist entstanden, eine melancholische Stimmung und eine unruhige Ruhe. Darauf muss man sich definitiv einlassen können, denn die Stimmung ist ein enorm wichtiger Teil dieses Buches. Sie macht es maßgebend aus und ich kann mir gut vorstellen, dass viele Leser diesen Punkt, und damit das Buch, als strange betrachten könnten. Dass man sich nicht ganz auf die Magie und die kleinen Dinge in The Scorpio Races einlassen kann. Thisby und seine Anwohner sind heimelig, skurril und liebenswürdig. Einfach eine ganz besondere Mischung.

Großartig geschrieben, unfassbarer Einfallsreichtum, was Handlung und Figuren betrifft und absolut stimmungsgeladen. Ein Roman, der zum Träumen einlädt. Ich würde immer gerne wieder einen Abstecher nach Thisby und seinen gefährlichen Wasserpferden machen.

Janika Zeilenwanderer Signatur

Eckdaten: The Scorpio Races von Maggie Stiefvater – Scholastic – 2011 – 482 Seiten – 7,99 [UK] / Neuauflage € 9,49 [D]

Bewertung

Eine Geschichte, in der ich immer wieder versinken möchte.

— Janika
4 comments
5 likes
Letzter Post: Sonntagszeilen:
Viel und wenig um die Ohren
Nächster Post: 5 Erkenntnisse von 5 Tagen Irland

Related posts

Comments

  • stachelbeermond

    Mai 19, 2018 at 23:49
    Antworten

    Ja, ganz genauso ist es - ein wirklich großartiges Buch und mit das Beste, was Maggie Stiefvater bisher geschrieben hat! Sehr schöne Rezension, vielen Dank.

  • elizzy91

    Mai 16, 2018 at 11:39
    Antworten

    Liebe Janika, eine wunderbare Rezension, die mich sehr neugierig auf das Buch gemacht hat, besonders der Schreibstil, scheint ja herrlich zu sein!

    • Janika
      to elizzy91

      Mai 16, 2018 at 17:54
      Antworten

      Liebe Elizzy, das freut mich zu hören! Vielen Dank :) Ja, der Schreibstil ist klasse. Leicht, aber tiefgängig und wunderschön. Ich glaube, ich muss das […] Read MoreLiebe Elizzy, das freut mich zu hören! Vielen Dank :) Ja, der Schreibstil ist klasse. Leicht, aber tiefgängig und wunderschön. Ich glaube, ich muss das Buch bald selbst ein weiteres Mal lesen :D Alles Liebe! Read Less

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Über mich
Janika Mielke Portrait

Hallo und herzlich willkommen auf Zeilenwanderer. Ich bin Janika und schreibe hier über Literatur und mehr. Viel Spaß beim Stöbern und Entdecken! Mehr über mich

Aktuelle Lektüre


Leigh Bardugo – Six of Crows

Leigh Bardugo – Six of Crows

Blog abonnieren

Ihr wollt mir via WordPress Reader folgen? Nichts leichter als das! Einfach Zeilenwanderer in das Suchfeld eingeben und abonnieren.

Oder ihr klickt auf diesen Link Zeilenwanderer, um direkt zu abonnieren (Eine Weiterleitung erfolgt nur, wenn ihr über WordPress angemeldet seid).

Aktuelle Beiträge
Instagram
Beliebte Beiträge
Archiv
Gut zu wissen

Rezensionsexemplare erhalte ich im Austausch gegen eine Rezension. Meine Meinung bleibt dabei jedoch immer ehrlich und unverfälscht.

Mit einem Klick auf die auf Zeilenwanderer verwendeten Links (wie bspw. Instagram) werden Daten an die Server der entsprechenden Seiten gesendet und verlassen damit diese Seite.

Weitere Informationen zu diesem Thema findet ihr hier und hier