Ich stehe am Gleis des Bahnhofs und warte auf den Zug. Links und rechts von mir sehe ich andere Wartende, die ihre Köpfe missgelaunt Richtung Handy gebeugt halten. Auch ich bin schlecht gelaunt. Jeden Tag hat der Zug Verspätung, was bedeutet, dass ich regelmäßig viel zu spät nach Hause komme, der Feierabend kürzer ist und ich wieder einmal Zeit verschwendet habe. Wie kann es eigentlich angehen, dass der gleiche Zug jeden Tag Verspätung hat? Manchmal wünschte ich, ich könnte mich einfach ein bisschen in die Zukunft beamen. Eine halbe Stunde überspringen, dem Warten entgehen und mir genüsslich ein Bad einlaufen lassen. Ich schließe die Augen, denke in der naiven Hoffnung ganz fest daran, dass ich tatsächlich ein paar Minuten überspringen kann. Und sei es nur im Sekundenschlaf … Doch tatsächlich – als ich die Augen öffne, erschließt sich mir ein ganz anderes Szenario.
Dort, wo eben noch die anderen Menschen mit ihren Smartphones standen, steht niemand mehr. Ich bin alleine. Die Sitzbänke, deren rote Farbe gerade noch wie neu aussah, sind kaputt. Kaputt, brüchig und weiß unter der abblätternden Farbe. Eine der Bänke ist zusammengebrochen und alles wirkt wie unter einer leichten Schneeschicht. Milchig. Ich gehe zu der nächsten Bank, um mir den Schnee anzuschauen, stolpere dabei beinahe über den brüchigen Asphalt, und stelle fest, dass es gar kein Schnee ist. Es ist Staub und Sand. Es ist Dreck. Was ist hier nur los?
Ich drehe mich um und bemerke erst jetzt die Decke des Bahnhofs. Wobei man eher von der »nicht mehr vorhandenen Decke« sprechen sollte. Einige der großen Stützbalken aus Metall sind noch vorhanden, doch größtenteils klafft über mir ein riesiges Loch. Dachplatten hängen halb herunter und über mir sehe ich einen gelblichen Himmel. Was ist hier nur passiert? Und was ist das für komisches Wetter? Ich muss hier raus! Der Boden ist an manchen Stellen weggebrochen und wenn er das nicht ist, so sind seine Fliesen an vielen Stellen eingerissen. Jedenfalls stürzt der Boden nicht in sich zusammen! Und ein Glück befinde ich mich immer noch an Gleis 2 des Bahnhofs, habe es also nicht weit nach draußen.
Kaum bin ich aus dem Bahnhof getreten, muss ich tief durchatmen. Das kann doch alles nicht wahr sein! Ich erkenne meine Stadt. Sie ist es eindeutig, noch immer, aber sie ist so anders. Ich sollte eigentlich auf Asphalt stehen. Hier sollte der große Vorhof des Bahnhofs sein, den täglich tausende Menschen überqueren. Doch statt des Vorhofes stehe ich auf einer Wiese mit hohem Gras und Tümpeln. An den Hochhäusern, die nach dem einstigen Vorhof kommen, wachsen Pflanzen herauf. Das heißt, wenn sie noch irgendwo hochklettern können, denn auch hier ist vieles eingestürzt und weggebrochen. Die Fenster sind fast alle eingeschlagen und vor einigen spannen sich riesige Banner. Auf einem, der deutlich bessere Tage hinter sich hat, steht in roten Buchstaben »DAS ENDE«. Ja, so sieht es auch für mich aus … Was ist hier nur passiert? Die Stadt wirkt wie ausgestorben. Keine Menschenseele ist noch hier.
»Hallo?«, rufe ich fragend in die leere Stadt, doch ich bekomme keine Antwort. Da erhebt sich ein Vogelschwarm über der Stadt und fliegt davon … Ich schließe die Augen und denke daran, dass das Warten auf den Zug ja doch nicht schlimm ist. Es gibt so viel Schlimmeres. Ich wünsche mir, dass ich wieder zurück an den überfüllten Bahnhof komme und denke ganz, ganz fest daran. Doch als ich die Augen wieder öffne, stehe ich noch immer im hohen Gras.
Der Writing Friday ist ein Projekt, das von der lieben Read Books and Fall in Love ins Leben gerufen wurde. Dabei gibt es für jeden Freitag im Monat ein Thema, zu dem man etwas schreiben darf. Wahr, ausgedacht, lang, kurz, Gedicht oder nicht — das kann sich jeder selbst überlegen; Hauptsache man schreibt. Bei so einem Projekt schließe ich mich gerne an und schaue, was dabei herauskommt. Bitte erwartet hier aber keine hohe Form von Literatur.
Dieser Text ist zu dem Thema Du bist durch die Zeit gereist und im Jahr 2819 gelandet entstanden.
Uuuuh ist das eine coole Geschichte! Die Szenerie habe ich mir so bildlich vorstellen können, dass ich mir auch unwillkürlich gewünscht habe, dass die Protagonistin möglichst schnell wieder in ihre Zeit zurückreisen darf – und das Ende war so unglaublich gut gewählt! *-*
Liebste Grüße,
Ida
Liebe Ida, ooh, danke, danke, danke. Das freut mich ganz doll zu hören 🙂 Ich finde es toll, dass du dir alles bildhaft vorstellen kannst. Sowas ist mir immer sehr wichtig und daher ist es umso schöner, wenn ich das bei dir hingekriegt habe. Alles Liebe. Janika
Liebste Janika, ich hoffe du hattest gestern noch einen schönen Geburtstag! 😀 ich mag deine Zukunftsgeschichte unglaublich gerne. Es liest sich wie das erste Kapitel einer grossartigen Geschichte und ich würde ja nur allzu gerne wissen, wie es zu diesem „Ende“ kam und was deine Protagonistin noch so alles entdeckt!
Hab […] Read MoreLiebste Janika, ich hoffe du hattest gestern noch einen schönen Geburtstag! 😀 ich mag deine Zukunftsgeschichte unglaublich gerne. Es liest sich wie das erste Kapitel einer grossartigen Geschichte und ich würde ja nur allzu gerne wissen, wie es zu diesem „Ende“ kam und was deine Protagonistin noch so alles entdeckt!
Hab einen tollen Sonntag! *HERZ* Read Less
Hallo meine Liebe, ich hatte einen fantastischen Geburtstag, danke 🙂 Vielen lieben Dank für deine netten Worte. Das freut mich sehr zu hören. Hmm, auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen. So könnte tatsächlich ganz gut eine Geschichte entstehen. Wer weiß, was noch alles in der Stadt wartet […] Read MoreHallo meine Liebe, ich hatte einen fantastischen Geburtstag, danke 🙂 Vielen lieben Dank für deine netten Worte. Das freut mich sehr zu hören. Hmm, auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen. So könnte tatsächlich ganz gut eine Geschichte entstehen. Wer weiß, was noch alles in der Stadt wartet 🙂 Alles Liebe. Janika Read Less
Oh wow, das hat mich total gefesselt! Toll beschrieben, wenn auch beängstigendes Szenario. Da warte ich lieber etwas länger auf den Zug 😀
Liebe Grüße, Julia
Liebe Julia, herzlichen Dank. Ich denke auch, so schlimm ist das Warten auf einen Zug überhaupt nicht 🙂 Alles Liebe. Janika
Tolles Endzeitszenario beschrieben. Es gibt wirklich schlimmeres auf den Zug zu warten, aber das erkennt man dann einfach zu spät. Toll beendet.
Liebe Rina, vielen lieben Dank! Das ist richtig. Es gibt weitaus schlimmeres, aber man neigt ja oft dazu, sich über kleinste Dinge schrecklich aufzuregen … Alles Liebe. Janika
Huhu Janika,
deine Geschichte hat mich total gefesselt. Jetzt müsstest du noch eine Fortsetzung schreiben. Ich muss doch wissen, ob die Zeitreise hiermit endet oder ob es doch noch ein zurück gibt : )
Liebe Grüße, Stella
Liebe Stella, das freut mich sehr zu hören. Vielleicht wird es eines Tages mal eine Fortsetzung geben, wer weiß 🙂 Danke für deine lieben Worte! Alles Liebe. Janika
Wohl ein unbedachter Wunsch, aber ein wirklich toll geschriebener Text. Sehr düster und bedrückend. Erinnert mich von der Stimmung ein wenig an Black Mirror.
Ich habs ja nicht übers Herz gebracht meinen Zeitreisenden in der Zukunft stehen gelassen. 😉
Grüße, Katharina.
Liebe Katharina,
vielen herzlichen Dank. Ich bin mir bei den Texten vom Writing Friday immer etwas unsicher, von daher freut es mich sehr, dass sie dir so gut gefallen hat. Alles Liebe. Janika
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