In einer Höhle in den Bergen ...

Cleo stapfte durch das hohe Gras. Sie hatte be­reits eine be­acht­li­che Stre­cke von ihrem Dorf bis zu diesem Ort mitten im Nirgend­wo hin­ter sich ge­bracht, aber sie war noch nicht dort, wo sie sein wollte. Es würde nicht mehr lan­ge dauern, dann hätte sie all die Wie­sen und Wäl­der hin­ter sich ge­bracht und eine karge Berg­land­schaft erreicht. Durch das hohe Gras zu lau­fen wäre an sich nicht schlimm, denn die Pflan­zen ga­ben nach, so­bald man nur leicht ge­gen sie stieß. Das eigent­lich Müh­same war ihr Ballast. Cleo zog eine Matte hin­ter sich her, an der dicke Seile be­fes­tigt wa­ren, die sie sich über die Schul­tern ge­wor­fen hatte und an denen sie kräf­tig zog, um die Matte hinter sich zie­hen zu können. Doch die Matte war nicht leer. Auf ihr be­fand sich der leb­lo­se Kör­per von Séline.

Cleo und Séline waren im sel­ben Dorf auf­ge­wachsen und kann­ten sich seit frühes­ten Kin­derta­gen. Als klei­ne Mädchen hatten sie sich recht gut ver­stan­den, aber wie es so häu­fig ist, leb­ten sie sich mit der Zeit aus­einan­der. Sie ent­wickel­ten andere Inte­ressen, lie­ßen neue Freund­schaf­ten wachsen und wa­ren vor eini­gen Jah­ren so­gar an dem Punkt an­ge­langt, wo sie die Straßen­sei­ten wechsel­ten, so­bald sie die ande­re sahen. Sie hatten sich schon lange nichts mehr zu sagen. Cleo und Séline leb­ten ein­fach weiter im sel­ben Dorf, um­ge­ben von dunk­len Wäl­dern und ho­hen Bergen.

Ab­ge­schotten von der rest­li­chen Welt und an und für sich recht glück­lich ent­wickel­ten sie im Laufe der Zeit einen regel­rech­ten Hass auf­einan­der. Woher die­ser stammte, kann wohl nie­mand recht sagen. Die einsti­gen Freun­dinnen war­fen sich böse Blicke zu, rede­ten hinter dem Rü­cken der ande­ren, ob­wohl sie sich gar nicht mehr kannten. Cleo hasste Séline be­sonders, weil sie mit­be­kam, was über sie ge­redet wurde. Sélines dachte sich die grau­samsten Dinge aus. Also hatte Cleo den Ent­schluss ge­fasst, dass sie es mit Séline so hand­haben musste wie mit allem Un­ange­neh­men in ihrem Leben: Sie musste es los­wer­den. Und ihre einsti­ge Freun­din sollte in diesem Punkt keine Aus­nah­me dar­stellen.

So hatte Cleo am späten Abend hin­ter einer Ecke in der Nähe von Sélines Haus auf sie ge­war­tet und ihr, so­bald sie sie er­blick­te, ein Messer mitten in die Stirn ge­wor­fen. Séline be­kam davon nichts mit. Es ging alles zu schnell. Und ge­nauso schnell wie Séline er­mor­det wurde, zerrte Cleo den Kör­per der jun­gen Frau auf ihre Matte und be­gab sich im Schatten der Nacht auf den Weg zu den ho­hen Ber­gen, die ihr Dorf um­ga­ben. Doch sie hatte sich über­schätzt. So leicht der Mord ihr von der Hand ging – eine Leiche zu ent­sor­gen war nicht ganz so ein­fach. Vor allem hatte sie die Dis­tanz der Berge und Sélines Ge­wicht unter­schätzt. Sie war nun schon so lange unter­wegs, dass es lang­sam hell wurde. Immer­hin konnte Cleo nun wie­der et­was mehr er­kennen und stol­perte selte­ner über grö­ßere Steine, die vom Gras ver­deckt waren. In der Ferne wur­den die Berge immer grö­ßer und sie musste kurz inne­hal­ten, um sie zu be­wundern.

Manche Berge sind schön. Sie sind von Gras be­wachsen, es liegt Schnee auf ihnen und man fragt sich, was für Lebe­we­sen wohl so hoch auf ihnen leben. Bei den Bergen, die Cleo nun vor sich sah, war es anders. Sie waren we­der von Gras be­wachsen, noch lag Schnee auf ihnen. Sie wa­ren ein­fach nur Gi­gan­ten aus tris­tem, beige­farbe­nem Stein. Kein Gras­halm, kein Baum, keine Blu­me wuchs auf ihnen. Und wie soll­ten sie auch? Die An­woh­ner der Berge lie­ßen nichts ge­dei­hen. Sie standen für den Tod, waren der Tod. Und ge­nau des­wegen suchte Cleo sie nun auf. Die Lei­che musste ver­schwin­den und wer konnte eine Lei­che besser ver­schwin­den lassen als der Tod höchst­persönlich?

Also stiefelte sie weiter und erreichte im Morgen­grau­en die Berge. Sie kannte den Weg, war ihn als jun­ges Mäd­chen oft mit ande­ren Kin­dern ent­lang­gelau­fen und hatte Wetten ab­ge­schlossen, wer sich am weites­ten zu den Be­woh­nern der Ber­ge he­ran­trau­en würde. Cleo hatte schon immer zu den muti­gen Kin­dern ge­hört, scheute kaum ein Ri­siko und wusste, wo sie die Höh­le finden würde, die sie an­strebte. Sie hatte kei­nen weiten Weg mehr vor sich, doch als sie bei ihr an­kam, wurde ihr dennoch et­was flau im Magen. Es war immer ein Risi­ko. Auch wenn sie kaum Angst hatte, spürte sie die Be­dro­hung. Sie durfte sich ihre Ner­vosi­tät nicht an­mer­ken lassen, sonst würde sie selbst bald so reg­los da­liegen wie Séline.

Sie blickte zu ihr hinab, posi­tio­nier­te die Matte mit ihrem Kör­per vor der Höhle und schob sie dann mit dem Fuß noch etwas von sich weg. Séline hatte deut­lich besse­re Tage hinter sich. Nicht nur, weil sie tot war, son­dern auch, weil die weite Reise vom Dorf in die Berge ihre Spuren an Séline hin­ter­lassen hatte. Ihr blon­des langes Haar war ver­notet, die Haut blass, das Blut an der Stirn bei­nahe voll­kommen ge­trock­net. Ihre Kleider wa­ren dreckig, die Haut an ihren Hän­den und Armen ab­ge­schürft, da sie wäh­rend der Reise regel­mäßig von der Matte ge­rutscht wa­ren und Cleo es leid war, sie jedes Mal wie­der auf­zu­sammeln und auf die Matte zu legen. Nun ja, immer­hin würde Séline Cleo keine Proble­me mehr be­reiten.

»Hey, ich habe etwas für euch!«, rief sie den Bergen ent­ge­gen und in die Höh­le hi­nein, vor der sie stand. Die Höhle war schwarz. Nichts regte sich. Und als Cleo ge­rade ein wei­te­res Mal ru­fen wollte, ent­deck­te sie zwei große Augen, die sie fo­kussier­ten. »Lasst es euch schme­cken«, flüster­te sie und ging lang­sam zurück. Sie durfte unter kei­nen Um­stän­den ner­vös wirken und sich hek­tisch be­we­gen. Sie be­obach­te­te die gro­ßen Augen in der Höhle und sah, wie einer der An­woh­ner der Berge aus der Höh­le kroch. Zu­erst sah sie die lan­ge Schnauze, die dunkel­ro­ten Schuppen. Dann sah sie den gi­ganti­schen Kopf, den lan­gen Hals und den echsen­arti­gen Körper, der sich auf sie zu be­wegte. Sie ging wei­ter zurück, ließ den Dra­chen nicht aus den Augen und sah zu, wie er sich Séline immer wei­ter näher­te. Er nahm Sélines Kör­per ins Visier und da wusste Cleo, dass sie außer Gefahr war. Es wirkte fast, als würde der Drache tief Luft ho­len, bevor er seine Flammen auf Sélines Körper he­rab­stieß, an­schlie­ßend ihren noch brennen­den Körper vom Bo­den auf­sammelte und ihn in einem gro­ßen Happen he­runter­schluckte. Séline war fort. Als hätte sie nie existiert. Nur noch die verkohlte Matte erinnerte an diesem Ort an sie.

Das wäre also ge­schafft. Cleo hatte er­folg­reich eine ehe­mali­ge Freun­din er­mordet und an einen Drachen ver­füttert. Doch sie fühlte sich nicht schlecht. Sie fühlte sich mächtig und stark. So stark wie nie zuvor. Sie drehte sich um und erstarrte. Direkt vor ihr stand ein weite­rer Drache. Er war ge­nauso rie­sig wie der dunkel­rote, nur dass seine Schuppen einen Stich ins Vio­lette hatten. Er fo­kussier­te sie und sei­ne Augen hatten bei­nahe eine hypno­ti­sche Wir­kung auf Cleo. Der Drache zuckte auf selt­same Art, schien tief Luft zu holen und das Letzte, das Cleo in ihrem Le­ben sah, war ein auf­ge­risse­nes Maul, aus dem Flammen loderten.


Der Writing Friday ist ein Projekt, das von der lieben Read Books and Fall in Love ins Leben gerufen wurde. Dabei gibt es für jeden Freitag im Monat ein Thema, zu dem man etwas schreiben darf. Wahr, ausgedacht, lang, kurz, Gedicht oder nicht — das kann sich jeder selbst überlegen; Hauptsache man schreibt. Bei so einem Projekt schließe ich mich gerne an und schaue, was dabei herauskommt. Bitte erwartet hier aber keine hohe Form von Literatur.

Dieser Text ist zu dem Thema Du hast gerade einen Mord begangen und musst die Leiche loswerden. Wie gehst du vor? ent­standen.

Janika Zeilenwanderer Signatur

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Comments

  • Stella

    März 23, 2019 at 13:38
    Antworten

    Janika, ich lese deine Geschichten so gerne. Mit dem zweiten Drachen hast du mich überrascht, auch wenn ich vermutet habe, dass Cleo am Ende auch verspeist wird haha. Das nenne ich Karma.... Richtig genial! Liebste Grüße, Stella

    • Janika
      to Stella

      März 25, 2019 at 11:02
      Antworten

      Liebe Stella, hihi, dankeschön! Der zweite Drache war tatsächlich eine recht spontane Idee, aber es freut mich, dass ich dich damit noch überraschen konnte. Alles Liebe. Janika

  • Ida

    März 22, 2019 at 20:53
    Antworten

    Danke für diese unfassbar coole Geschichte, liebste Janika! :) Ich liebe diese Art von Geschichten, und deine Idee, den Drachen die Beseitigung erledigen zu lassen, finde ich großartig! :D Deine Art zu schreiben mag ich so, so gern! Liebste Grüße, Ida

    • Janika
      to Ida

      März 25, 2019 at 11:02
      Antworten

      Liebe Ida, danke für deine lieben Worte. Hach, du schmeichelst mir aber! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll! Alles Liebe. Janika

  • Katharina

    März 22, 2019 at 18:40
    Antworten

    Eine spannende und faszinierende Geschichte. Ich konnte mir die beschriebene Welt wirklich gut vorstellen. Dass Cleo am Ende auch verputzt wird, ist ein etwas morbider feel-good-Moment, aber passt super in die Geschichte. Toll! Grüße, Katharina.

    • Janika
      to Katharina

      März 25, 2019 at 11:01
      Antworten

      Liebe Katharina, wie schön, dass du dir alles so toll vorstellen konntest! Das freut mich sehr :) Danke, danke, danke! Alles Liebe. Janika

  • evilgenius

    März 22, 2019 at 18:31
    Antworten

    Ha! Ich wusste, dass es ihr am Ende genauso ergeht. Herrlich! Aber mit dieser Art Berganwohner hatte ich nicht gerechnet, sehr gelungen ;) Wobei es ja bei diesem Thema interessant wäre, eine Version zu lesen, die wirklich mit dem »du«, in der Fragestellung übereinstimmt, also ohne fiktive Hauptfigur auskommt ^^

    • Janika
      to evilgenius

      März 25, 2019 at 11:01
      Antworten

      Hahaha, super! Danke :) Ich freue mich, dass ich dich überraschen konnte. Am Anfang habe ich sehr lange überlegt, welche Perspektive ich wählen soll, da ich aber meistens aus der ersten Person Singular schreibe, habe ich mich dieses Mal für einen anderen Charakter, der erzählt, entschieden :)

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