Die Gedanken des Einsamen

Mittlerweile ist es mir egal. Mir ist egal, wie sie mich an­schauen. Die ver­ach­ten­den Blicke, die freund­lichen, die be­mit­lei­den­den. Viele Menschen gucken mich gar nicht an. Ver­suchen mir aus dem Weg zu gehen, da­mit sie keine Schuld­ge­fühle bekommen. Wenn ich hier in der Ein­kaufs­passage sitze, tun sie so, als würde ich nicht exis­tieren und sie müss­ten sich auf ihren be­lang­losen Einkaufs­bummel kon­zen­trieren.

Es ist auch schon ein Wider­spruch. Da schlen­dern sie mit vollen Tü­ten durch die Stra­ße, ein ge­füll­tes Portemonnaie in der Ta­sche, wäh­rend ich hier si­tze und mit Glück ein paar Mün­zen ab­be­komme, von denen ich mir etwas zu essen oder trin­ken kaufen kann. Da­bei können sie auch nichts für meine Si­tu­a­tion. Ich selber bin schuld. Aber da­rü­ber will ich nicht reden, denn die Ge­dan­ken alleine reichen aus, dass ich mich noch schlech­ter fühle. Fakt ist, dass ich nun hier sitze. Alleine und mit end­los viel Zeit, die ich nicht zu füllen weiß.

Am Anfang waren mir die Bli­cke der anderen un­an­ge­nehm. Ich fühlte mich bloß­ge­stellt und habe mich ge­schämt. Vor­ge­führt in meiner Po­si­tion. Am Boden während alle stehen. Mittler­wei­le hat sich das ge­än­dert. Gleich­gül­tig­keit hat sich ein­ge­stellt. Ich will mich nicht auf­spie­len, aber ich bin der Mei­nung, dass ich mittler­wei­le eine ziem­lich gute Menschen­kenntnis ent­wi­ckelt habe. Ge­sich­ter sagen so viel aus und man­ches er­kennt man erst auf den zwei­ten Blick. Oder mit einem ge­schul­ten Auge. So wie meines.

Nehmen wir die Frau von heute Vor­mittag. Un­ge­schminkt und mit wirrem Zopf hetzte sie durch die Stra­ßen. Einzelne Sträh­nen hingen ihr ins Ge­sicht. Ihr Ge­sicht war müde. In der einen Hand hielt sie ihre Hand­tasche, in der an­de­ren die Hand ihres Sohnes. Er kann nicht alt ge­wesen sein, vielleicht vier oder fünf Jahre. Um die beiden tollten sich zwei etwas äl­te­re Mädchen. Zwillinge. Sie lachten schrill und atem­los und liefen anderen Passanten vor die Füße. Die Mutter blieb stehen, rief sie zu sich und er­mahn­te sie, sich zu be­nehmen. Der kleine Junge zog dabei an ihrer Hand, denn stehen­bleiben wollte auch er nicht. Der darauf­folgende Blick der Schwes­tern zu­einander, ließ schlie­ßen, dass ihnen der Schalk im Nacken sitzt und sie gleich von neuem los­rennen wür­den.

Der All­tag dieser Frau ist zweifels­ohne kein leich­ter. Aber ich bin mir sicher, dass sie jeden Abend glück­lich ins Bett geht. Neben ihrem Mann. Sie hat eine Fa­mi­lie, die sie liebt. Ihr Ein und Alles. Ich habe das nicht. Ich bin allein. Wie gerne würde ich einmal die Hand eines Kindes halten, das ich liebe, oder neben der Person ein­schla­fen, die mir alles bedeutet. Aber ich habe keine Kinder. Werde wohl auch nie welche haben. Ich schlafe nachts neben vielen Menschen. Und auch wenn der Raum in der Ob­dach­lo­sen­unter­kunft jede Nacht gut ge­füllt ist, sind wir alle einsam. Der Gedanke lässt mich von der jungen Familie weg­schauen. Ich will so sein wie sie. Ich will das haben, was sie haben. Was habe ich falsch ge­macht, dass ich hier ge­landet bin?

Einige Zeit später kamen ein paar Ju­gend­liche vor­bei. Sie hatten noch ihre Ruck­säcke dabei, aber es war noch zu früh für den heuti­gen Schul­schluss. Ich war mir sicher, dass sie die Schule schwänz­ten. Die jungen Männer waren in dem Alter, in dem es be­son­ders wich­tig ist, cool zu wirken. Lässig. Die einen trugen weite Jeans und lange T-Shirts. Andere Hemden mit, für meinen Ge­schmack, viel zu engen Hosen. Entspannt schlenderten sie durch die Straßen. Die Hälfte starrte mit leerem Blick auf das Smartphone in ihren Händen. Andere aßen einen Döner. Sorglos würde ich sie be­zeichnen. Sorg­los mit einer Mir-ist-alles-egal-Einstellung.

Die Mir-ist-alles-egal-Einstellung haben wir gemein. Ich hatte sie auch schon früh. Wie gerne würde ich zu den Jungen hi­nüber­gehen und sagen, dass sie sich zu­sammen­reißen und in die Schule gehen sollen. Ich weiß, Schule stinkt, aber die paar Jahre Schul­bank drücken werden sich lohnen. Macht nicht die glei­chen Fehler wie ich! Vor ihnen liegen alle Mög­lich­keiten der Welt. Sie kommen ver­mut­lich aus guten Ver­hält­nissen und selbst wenn nicht, haben sie sicher­lich die schützen­den Hände ihrer Eltern über sich. Sie würden alles für ihre Kinder tun, sie unter­stützen und helfen, wo sie nur können. Aber ein bisschen Zu­sammen­arbeit ist trotz­dem ge­fragt. Ich frage mich, wo diese Jungs in ein paar Jahren sein werden.

Vielleicht werden sie ein Work & Travel Jahr in Aus­tra­lien machen oder in einer frem­den, besseren Stadt stu­dieren. Vielleicht sind ihre Köpfe voll mit welt­be­we­genden Ideen? Einer von ihnen könnte die Tech­no­lo­gie weiter voran­bringen, ein Le­ben im Welt­all er­mög­lichen, oder das beste Restaurant der Stadt er­öff­nen. Vor mir laufen so viele Mög­lich­keiten und sie sind sich derer nicht mal bewusst. So viel Po­ten­zial, aber noch ver­schwen­den sie keinen Ge­dan­ken daran. Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurück­dre­hen und noch­mal so alt sein wie sie. Was würde ich anders machen als da­mals? Ver­mutlich alles. Wieder wende ich meinen Blick ab.

Die Blicke der anderen auf mir nehme ich nur noch am Rande wahr. Ich will sie nicht sehen. Ich will SIE nicht sehen. Egal, wer an mir vor­bei­geht, ich würde so gerne mit die­ser Person tau­schen. Aber das ist nicht mög­lich. Wenn ich die an­de­ren Menschen sehe, werden so viele Wün­sche in mir ent­facht. Wünsche, die sich nicht er­füllen werden und diese Er­kennt­nis macht mich traurig. Daher gucke ich meistens einfach nur noch gerade­aus oder auf den Boden. Aber das kann ich auch nicht lange. Dann schaue ich sie doch an. Wenn sie mich sehen, be­gegne ich Be­fangen­heit, Scham und Schuld, aber das kenne ich nicht mehr anders. Ich hatte Zeit, um mich daran zu ge­wöhnen. Ich sehe in jedem einzelnen so viele Mög­lich­keiten. Mög­lich­keiten, die ich nicht habe. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Aber ei­gent­lich ist auch das mir egal.


Der Writing Friday ist ein Projekt, das von der lieben Read Books and Fall in Love ins Leben gerufen wurde. Dabei gibt es für jeden Freitag im Monat ein Thema, zu dem man etwas schreiben darf. Wahr, ausgedacht, lang, kurz, Gedicht oder nicht — das kann sich jeder selbst überlegen; Hauptsache man schreibt. Bei so einem Projekt schließe ich mich gerne an und schaue, was dabei herauskommt. Bitte erwartet hier aber keine hohe Form von Literatur.

Dieser Text ist zu dem Thema Du lebst als Obdachloser auf der Straße. Beschreibe deinen Blick auf die Menschen, die vorübergehen entstanden.

Janika Zeilenwanderer Signatur

 

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Comments

  • rina.p

    März 9, 2018 at 18:26
    Antworten

    Wirklich sehr gut kommt die düstere Stimmung und Schuld rüber - mein Obdachloser ist bisschen optimistischer - aber er ist auch schon lange auf der Strasse - Sehr gut geworden. Liebe Grüsse

  • idasbookshelf

    März 9, 2018 at 14:23
    Antworten

    Liebe Janika, Dein Text ist so einfühlsam geschrieben - und ich konnte mich richtig in den Obdachlosen hineinversetzen, habe seine Schuld gespürt und am Ende auch seine traurige Gleichgültigkeit. Und ich finde es auch deshalb wunderbar gelungen, weil du die schamhafte Überforderung der Passanten geschildert hast - so wie man […] Read MoreLiebe Janika, Dein Text ist so einfühlsam geschrieben - und ich konnte mich richtig in den Obdachlosen hineinversetzen, habe seine Schuld gespürt und am Ende auch seine traurige Gleichgültigkeit. Und ich finde es auch deshalb wunderbar gelungen, weil du die schamhafte Überforderung der Passanten geschildert hast - so wie man sich vielleicht selber fühlt, wenn man jemanden auf der Straße sieht, der nicht so viel Glück hatte wie man selbst. Danke für diesen schönen Einblick! Liebste Grüße, Ida Read Less

  • Buchperlenblog

    März 9, 2018 at 12:04
    Antworten

    Huhu liebe Janika! Die Geschichte fand ich wirklich wunderbar. Auf eine gewisse Art und Weise sehr traurig, aber du hast auch das hineingesteckt, was ich selbst oftmals empfinde, wenn ich Obdachlose sehe. Niemand bei uns MUSS obdachlos sein, ich denke auch meistens, dass es den Menschen bis zu einem gewissen Grad […] Read MoreHuhu liebe Janika! Die Geschichte fand ich wirklich wunderbar. Auf eine gewisse Art und Weise sehr traurig, aber du hast auch das hineingesteckt, was ich selbst oftmals empfinde, wenn ich Obdachlose sehe. Niemand bei uns MUSS obdachlos sein, ich denke auch meistens, dass es den Menschen bis zu einem gewissen Grad scheinbar wirklich egal sein muss, wie sie leben. Sie es zumindest nicht mehr ändern wollen. Beide Seiten hast du sehr gut beleuchtet. Danke für die Geschichte! :) Liebste Grüße! Gabriela Read Less

    • Janika
      to Buchperlenblog

      März 9, 2018 at 15:19
      Antworten

      Liebe Gabriela, vielen lieben Dank. Das freut mich zu hören. Ich war nach dem Schreiben des Textes auch etwas betrübt.. :D Liebe Grüße, Janika

  • weltaustinteundpapier

    März 9, 2018 at 11:01
    Antworten

    Liebe Janika, dein Text hat mich auf eine unaufdringliche Weise sehr berührt, vor allem dieser Satz hier: "Und auch wenn der Raum in der Ob­dach­lo­sen­unter­kunft jede Nacht gut ge­füllt ist, sind wir alle einsam." Ich glaube, diese Art der Einsamkeit kennen nicht nur Obdachlose. Ein großes Kompliment für deine feinen Beobachtungen. :) Liebe […] Read MoreLiebe Janika, dein Text hat mich auf eine unaufdringliche Weise sehr berührt, vor allem dieser Satz hier: "Und auch wenn der Raum in der Ob­dach­lo­sen­unter­kunft jede Nacht gut ge­füllt ist, sind wir alle einsam." Ich glaube, diese Art der Einsamkeit kennen nicht nur Obdachlose. Ein großes Kompliment für deine feinen Beobachtungen. :) Liebe Grüße, Anna Read Less

  • elizzy91

    März 9, 2018 at 10:24
    Antworten

    Hallo liebe Janika, wunderbar wie du dich in die Rolle des Obdachlosen versetzten konntest und wie gut du die Stimmung rüber bringen konntest! Am Ende war ich doch etwas traurig berührt und wollte auch mehr von ihm wissen... was wohl passiert ist, dass er nun eine +mir egal+ Stimmung hat? […] Read MoreHallo liebe Janika, wunderbar wie du dich in die Rolle des Obdachlosen versetzten konntest und wie gut du die Stimmung rüber bringen konntest! Am Ende war ich doch etwas traurig berührt und wollte auch mehr von ihm wissen... was wohl passiert ist, dass er nun eine +mir egal+ Stimmung hat? Auf jeden Fall hast du wunderbare Worte gefunden und es mach Spass deine Geschichten zu lesen <3 Read Less

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