Lilly Lucas – New Beginnings

Ihr Lieben, kennt ihr das, wenn ihr intu­itiv zu ei­nem Buch greift, weil es euch ein­fach so sehr in den Fin­gern juckt und ihr der Ver­su­chung nicht wi­der­ste­hen könnt? Und dann fangt ihr an und wisst von Be­ginn an, dass dieses Buch etwas ganz Be­sonde­res ist? Ende Juli hatte ich so einen Mo­ment und das nach ei­nem eher dürfti­gen Le­se­monat. Die Bücher, die ich ge­le­sen haben, waren in Ord­nung, aber es gab kein High­light und ich war da­von aus­ge­gan­gen, dass der Juli ein­fach durch­schnitt­lich bleibt. Aber dann kam Lilly Lucas mit New Beginnings und haute mich aus allen Socken. Viel Spaß mit der Buch­be­sprechung.

Kurzbeschreibung

Lena ist 20 Jahre alt und nach­dem sie zwei­mal ein Stu­dium ab­ge­bro­chen hat und noch immer nicht weiß, was sie mit ihrem Le­ben an­fan­gen soll, be­ginnt sie ein Jahr als Au-pair-Mädchen in Ame­rika. Es ver­schlägt die Ber­line­rin ins kleine Green Valley in Co­lora­do, was ein extre­mer Kon­trast zur Groß­stadt ist. Ihre Gast­fami­lie be­steht aus Jack, Amy und dem ge­mein­sa­men Sohn Liam. Und über­ra­schen­der­weise auch aus Jacks jüngerem Bruder, Ryan, der nur weni­ge Jah­re älter ist als Lena. Ryan musste nach einem schwe­ren Ski­un­fall seine Profi­karrie­re be­en­den und lebt da­her eher un­frei­willig bei den Coopers, bis es zwi­schen Lena und ihm an­fängt zu knistern …

»Das Problem ist«, er beugte sich zu mir herunter und hauchte an mein Ohr, »dass nichts noch nie so wenig nach nichts geklungen hat.«

— S. 247

Meinung

Wenige Tage bevor ich das Buch zu lesen be­gann, hatte mich die liebe Yvonne ge­fragt, wel­ches Buch sie als nächstes lesen sollte. Sie schickte mir ein Bild mit ihrer Bücheraus­wahl und ich sagte: »Alles, nur nicht New Beginnings. Das lesen wir zu­sammen!« Kurze Zeit später hatte ich das Buch ge­kauft und saß ohne Lek­türe im Auto – für mehre­re Stun­den. Eigent­lich wollte ich auf Yvonne war­ten, da­mit wir das Buch zu­sammen le­sen können, dann über­kam es mich aber und ich hatte die ers­ten vier­zig Seiten ge­le­sen. Ich in­for­mier­te Yvonne und sie be­gann di­rekt mit New Beginnings, da ihre aktu­elle Lek­türe sie nicht recht packte.

Drei Tage später hatten wir das Buch be­endet und ich fühl­te mich furcht­bar. Ich fühl­te mich furcht­bar, weil ich wusste, dass die nächsten Bü­cher, die ich le­sen wür­de, nicht an New Beginnings he­ran­kommen wür­den. New Beginnings war so viel mehr, als ich mir er­träumt hatte und ich brauche mehr Lese­stoff aus Green Valley. Sofort. Aber gut, schau­en wir uns das Buch doch mal ge­nauer an.

new beginnings lilly lucas

Lena + Ryan

Dass ich von der ersten Sei­te an das Ge­fühl hatte, mir würde das Buch sehr gut ge­fallen, lag zu einem gro­ßen Teil an Lena. Sie steht in den ers­ten Kapi­teln vor einer ziem­li­chen He­raus­forde­rung, denn der Start als Au-pair lief nicht so, wie sie es sich vor­ge­stellt hatte. Aber Lena ist Lena und nimmt ihr Schick­sal in die Hand. Ihre Willens­stär­ke und ihr Selbst­be­wusst­sein sind zwei Cha­rak­ter­eigen­schaf­ten, die ich an Lena un­glaub­lich mochte. Sie ist so stark! Lena sagt, wenn ihr etwas nicht passt und setzt ihren Willen durch, wenn es sein muss. Nichts da mit grau­er Maus, die sich erst­mal zu einer star­ken Per­sön­lich­keit ent­wi­ckeln muss. Bei Lena liegt diese Ent­wick­lung be­reits in der Ver­gan­gen­heit und Lilly Lucas hat für ihre Leser einen wun­der­vollen und über­aus unter­hal­ten­en Cha­rak­ter ge­schaffen.

Auf Ryan trifft Lena schon sehr früh in der Lek­türe, und ich wusste di­rekt, dass ich die zwei zu­sammen mochte, weil beide herr­lich schlag­fertig sind. Ryan, der sich als ziem­li­cher Grummel­peter he­raus­stellt, bringt einen blö­den Spruch und pro­vo­ziert Lena? Kein Problem für sie, sie kon­tert eis­kalt gegen­an. Ryan hat zu Be­ginn eine ziem­lich grumme­lige und zyni­sche Art und dies in Kombi­na­tion mit Lenas Opti­mis­mus und Witz ist ein­fach nur köstlich. Noch dazu wirkt seine Art ur­ko­misch. Als würde er stän­dig Be­mer­kun­gen vor sich hin grummeln und mur­meln, so­dass Lena manche Dinge kaum wahr­nimmt. Wie Oscar aus der Tonne! Auch Le­nas Ge­dan­ken mochte ich super­gerne. Sie ist ein­fach unter­hal­tsam.

Sein Blick huschte kurz über meinen Ausschnitt, und ich wollte einen Moment lang ein zweites Mal auf ihn fallen – mit dem Ellenbogen voran, in seine Weichteile.

— S. 54

Aber natür­lich bleibt Ryan nicht der zyni­sche Grummel­pott, son­dern taut bei Lena lang­sam auf. Sie unter­neh­men zu­sammen Aus­flü­ge in die Rocky Moun­tains und be­son­ders ein Re­novie­rungs­pro­jekt des Golden Leaf – das B&B der Fami­lie – schweißt sie zu­sammen. Ich habe die Zeit mit den bei­den ein­fach un­glaub­lich ge­nossen und konnte kaum ge­nug von ihnen be­kommen. Lilly Lucas hat zwei Fi­guren ge­schaffen, die zwar unter­schied­lich sind, sich aber wun­der­voll er­gän­zen und ge­mein­sam ex­trem har­mo­nieren. Ich brauche ein­fach mehr Bücher mit Fi­gu­ren wie Ryan und Lena.

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Nebenfiguren

Auch die Neben­figu­ren konnten mich über­zeu­gen. Mit Izzy hat Lena eine super­liebe und offe­ne Freun­din in Green Valley ge­fun­den, die wohl jedem schnell ans Herz wächst. Vom Typ her ist sie eine ganz ande­re Per­son als Lena, dass ich umso ge­spann­ter auf den zweiten Teil der Green Valley Reihe bin, in dem sie die Rolle der Pro­tago­nis­tin über­neh­men wird.

Bei Will war es mehr oder weni­ger ähn­lich. Irgend­wie war es mir schon sym­pa­thisch, ir­gend­wie aber auch nicht, weil ich mir nicht sicher war, ob er nicht eigent­lich ein Arsch­loch ist. Und solche Bad Boys, die echt Mist ab­zie­hen, mag ich in Büchern nicht so gerne. Aber Will sorgt auf je­den Fall für aller­lei gute Unter­hal­tung. Be­son­ders in Kom­bina­tion mit Izzy. Man spürt ein­fach, dass zwi­schen den bei­den eine einzig­arti­ge Che­mie herrscht. Nach Be­enden des Bu­ches bin ich mir übri­gens auch sicher, dass Will ein ordent­li­cher Kerl ist. Ich mag ihn.

Auch Lenas Gast­familie ge­fällt mir. In dem Buch wird nicht un­be­dingt das typi­sche Le­ben eines Au-pairs dar­ge­stellt und jede Lese­rin, die nach die­ser Ge­schich­te selbst Au-pair werden möch­te, sollte wissen, dass der eige­ne Aufent­halt höchst­wahr­schein­lich nicht so aus­sehen wird wie Lenas. Amy und Jack wir­ken jeden­falls wie ziem­lich coole Gast­el­tern — auch wenn sie suuu­per ver­peilt sind — und Liam ist als Kind na­tür­lich ein ab­solu­ter Traum. Also um es kurz zu machen: Nach­dem mir schon die Pro­tago­nis­ten ge­fallen haben, konnten mich auch die Ne­ben­figu­ren über­zeu­gen. New Beginnings hat ein richtig schö­nes Fi­guren­spek­trum.

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Schreibstil + Ausdruck

Der Schreibstil von Lilly Lucas hat mir eben­falls ge­fallen – wie ihr merkt, hat mir prak­tisch alles ge­fallen! Die Ge­schich­te ist aus Lenas Pers­pek­tive ge­schrie­ben und ich mag ihre Art zu den­ken sehr gerne. Sie ist lustig und locker und irgend­wie von Be­ginn an sym­pa­thisch, so­dass man Lena schnell ins Herz schließt.

Die Kapitel lassen sich zu­dem gut lesen, da sie recht kurz sind. Ich hatte da­her das Gefühl, ein­fach durch die Seiten zu flie­gen und wollte immer mehr, mehr, mehr. Eig­ent­lich dachte ich, dass Yvonne und ich beim ge­mein­samen Lesen das Buch in Ab­schnitte ein­tei­len und täg­lich eine be­stimm­te Sei­ten­an­zahl lesen. Das hat aller­dings nicht ge­klappt und wir hatten das Buch bei­de am dritten Tag be­endet. Es gab le­dig­lich kur­ze Up­dates nach dem Motto: »Bin auf Seite 200 und muss re­den. Wo bist du? Bist du schon da? Wie lan­ge brauchst du noch?«

Bei Lilly Lucas’ Art zu Schrei­ben haben mir eini­ge As­pek­te be­son­ders ge­fallen: ihr Witz, ihr Wort­aus­wahl, die ein­fach immer per­fekt scheint, und wie sie nicht um den hei­ßen Brei redet. Man weiß, was Sache ist, die Hand­lung wird nicht ewig in die Län­ge ge­zo­gen und man ist auf je­der Seite mitten im Ge­sche­hen. Da­durch wird New Beginnings zum ab­so­lu­ten Page­turner. Gleich­zei­tig hat Lilly Lucas ein un­fass­bares Ta­lent für das Schrei­ben von Dia­logen.

»Ich seh mir noch die anderen Zimmer an«, presste ich hervor und entfernte mich mit einem Lächeln auf dem Gesicht, das so aufgesetzt war, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn es heruntergerutscht und auf dem Boden zerschellt wäre.

— S. 245

Handlung

So, zur Handlung. Hier fehlen mir ein we­nig die Worte, denn eigent­lich gibt es zur Hand­lung nicht viel zu sa­gen. Es geht um die Be­zie­hung von Lena und Ryan. Ganz ein­fach. Im Ge­gen­satz zu vie­len ande­ren Ge­schich­ten des Genres gibt es kein gro­ßes Drama der Ver­gan­gen­heit, das die Pro­tago­nis­tin be­las­tet, was ich sehr an­ge­nehm fand. So be­kommt New Beginnings eine Leich­te, die den Leser voll­kommen mit­reißt. Ich finde auch die Idee schön, dass Lena als Stadt­mäd­chen in die tiefste Pampa geht und sich dort zu­recht­fin­den muss. Klar, solche Ge­schich­ten gibt es wie Sand am Meer, aber das, was Lilly Lucas aus der Grund­si­tua­tion ge­schaffen hat, ist ein­malig.

Irgendwie hat alles ge­stimmt. Vor allem mochte ich, dass die Hand­lung di­rekt ein­setzt. Lena ist in Ame­rika ge­lan­det und fährt ruck­zuck zu ihrer Gast­fami­lie. Keine sei­ten­lange Pla­nung, Ab­schieds­feiern von Freun­den oder so. Es geht direkt los.

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Was mir bei New Beginnings positiv aufgefallen ist, ist die Ruhe des Ro­mans. Die Ge­schich­te braucht kein Drama, um den Leser an sich zu fesseln. Die Be­zie­hung von Lena und Ryan ist fesselnd ge­nug. Umso enttäusch­ter war ich von den letz­ten sieb­zig Seiten, denn Lilly Lucas baut doch noch etwas Dra­ma ein. Ich kann nach­voll­zie­hen, wieso sie es ge­tan hat und ich denke, auch für Ryan ist es prak­tisch nicht anders mög­lich ge­we­sen, als das zu tun, was er tut, aber ich als Leserin hätte mir die­ses Drama weg­ge­wünscht. Irgend­wie hat es nicht recht zum Rest des Buches ge­passt.

Allerdings ist das vielleicht auch eine per­sön­liche Vor­liebe von mir und ich muss dazu sa­gen, dass es nichts an der Tat­sache ändert, dass ich die­ses Buch ab­solut empfehlen kann. Ganz ehrlich? Hätte ich nicht so viele ande­re Bücher im Regal, würde ich New Beginnings direkt ein zwei­tes Mal lesen. Es ist so gut!

Green Valley

Was zudem ein un­glaub­licher Plus­punkt der Hand­lung ist, ist das Setting. Die traum­hafte Ku­lisse von Green Valley schafft so viele Mög­lich­keiten und ich fürchte, mit Colo­ra­do ist nun ein weite­rer Bun­des­staat auf die Liste meiner Reise­ziele in Ame­ri­ka ge­lan­det. Die Art, wie Lilly Lucas die Um­ge­bung in Worte fasst, ist ein ab­solu­ter Traum.

In den nächsten zwei Wochen verabschiedete sich der Spätsommer, und der Oktober tauchte die Umgebung von Green Valley in ein Meer aus leuchtenden Farben. Tiefgelbe Espenwälder ließen die Hänge der Rocky Mountains fast golden glänzen, und mächtige Ahornbäume hoben sich in satten Rot- und Orangetönen vom Himmel ab.

— S. 74

In New Beginnings gibt es diese schöne Illu­sion der per­fek­ten ameri­kani­schen Klein­stadt. Jeder kennt sich, jeder hilft sich und man hat alles vor der Haus­tür. Ich per­sön­lich mag Ge­schich­ten mit die­sem Settings ja sehr gerne, von da­her hat New Beginnings mich auch in die­sem Punkt über­zeugt. Also Hand aufs Herz: Die­ses Buch ist für mich ein ab­solu­tes High­light. Ein Her­zens­buch, wie es sein sollte und ich traue mich schon fast nicht, ein neues Buch an­zufan­gen, das nicht aus Lilly Lucas’ Fe­der kommt, da ich Angst habe, es könne mich nicht unter­hal­ten. Lilly Lucas, was hast du da nur getan?

New Beginnings gehört zu meinen Jahreshighlights 2019. Mit diesem Buch katapultiert sich Lilly Lucas zu jenen wenigen Autoren, bei denen ich sehnsüchtig auf jede neue Geschichte warte. Für mich hat alles gestimmt, ich war für wenige Stunden vollkommen gefangen und wollte Green Valley nicht mehr verlassen. Die Fortsetzung kann ich kaum erwarten!

Janika Zeilenwanderer Signatur

Eckdaten: Lilly Lucas – New Beginnings – Knaur TB – 2019 – 336 Seiten – 12,99 €

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Comments

  • Zeilentänzerin

    August 18, 2019 at 14:47
    Antworten

    Liebe Janika, eine sehr schöne Rezension. Ich wusste ja bereits, dass das Buch Dich überzeugen konnte und das spürt man hier auch. Geschichten, die ohne Drama auskommen und dennoch fesseln - was kann es Besseres geben. Da weiß man dann, das dem Autoren wirklich etwas gelungen ist. Liebe Grüße, Zeilentänzerin

    • Janika
      to Zeilentänzerin

      August 22, 2019 at 11:01
      Antworten

      Hallo meine Liebe, herzlichen Dank. Das Buch ist aber auch wirklich ein absolutes Highlight und ich freue mich schon unglaublich auf die Fortsetzungen :) Und ja, das ist wirklich eine feine Sache, wenn es kein Drama braucht, um den Leser zu begeistern. Alles Liebe. Janika

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